Man soll gehen, wohin (und wenn) es am schoensten ist... - (Letzter) Wochenendbericht aus Cuenca

Donnerstag, 06.02.2014

Mein letztes "richtiges" Wochenende, an dem ich reisen kann, beginnt fuer mich etwas verspaetet. Um 7:30 Uhr am Samstag Morgen beende ich nach 12 Stunden Nachtschicht im "Metropolitano", dem besten Krankenhaus Quitos (in dem ich ausnahmsweise einmal war), meine Arbeitswoche und strahle trotz nur 2 Stunden Schlaf ueber das ganze Gesicht, weil ich das unfassbare Glueck hatte, neben einer Cesaria, einem Kaiserschnitt, zwei (!!!) natuerliche Geburten in nur einer Nacht erleben zu koennen! Alle drei kleinen Jungen sind wohlauf und mit der Moeglichkeit zur Beobachtung einer "natuerlichen" Geburt nach inzwischen mehreren Cesarias ist ein grosser Wunsch fuer meine Praktikumszeit hier in Erfuellung gegangen!

Nach ein paar Stunden Schlaf am Vormittag, dem letzten Mal Medizinkurs am Nachmittag breche ich mit Selina auf, um nach Cuenca zu fahren.
Cuenca ("Stadt der vier Fluesse") zaehlt 400.000 Einwohner (Tendenz steigend), die in der angeblich schoensten Stadt des Landes wohnen. Die "Kulturhauptstadt" ist bekannt fuer die Pflege der traditionellen Handwerksarbeiten wie etwa Keramikarbeiten oder die Herstellung von Panamahueten. Es klingt also nach einem vielversprechenden letzten Reisewochenende.
Aber erstmal muss man die 8-10 Stunden Fahrt weit in den Sueden des Landes hinter sich bringen und diese koennen wir erst verspatet antreten, weil man uns am Busterminal Quitumbe mitteilt, dass unser Bus um 22 Uhr einen Getriebeschaden hat und wir daher den naechsten nehmen muessen.
Der Vorteil an Nachtfahrten ist, dass die Fahrtzeit verkuerzt wird, weil nicht an jedem Dorf (also mehr als 3 Haeuser nebeneinander) angehalten wird, um zu fragen, ob nicht noch jemand mitfahren moechte.
Wir kommen also bereits um 7:19 Uhr am Busterminal Terrestre in Cuenca an (es ist morgens und abends kalt, waehrend es tagsueber kochend heiss sein kann) und lernen unseren "Gastvater" Luis kennen, der uns sein Hostel schmackhaft machen will.
Es ist mehr ein familiaeres Wohnhaus mit mehreren Schlafzimmern als ein Hostel und wir haben kein Fenster in unserem Zimmer im "Hostel del Sol" (Haus der Sonne, haha!), aber das ist bei der Liebenswuerdigkeit Luis' und dem Charme des Hauses unwichtig.
Ausser uns sind noch andere Touristen da und es ist faszinierend: Selbst wenn ausnahmsweise mal keine Deutschen anwesend sind, deutsch sprechen, oder zumindest verstehen, kann so gut wie jeder!

Ebenso interessant ist, dass viele Menschen, die uns entgegenkommen einen Mundschutz tragen. Der Grund liegt in der Luft und auf der Strasse: Vulkanasche!
Der Tungurahua (man erinnere sich, ich war vor einem Monat in Baños, das am Fuss des aktiven Vulkans liegt) hatte vor wenigen Stunden heftig Asche ausgespuckt und in der Kombination mit (un)guenstigem Wind wurde die Asche zum ersten Mal bis nach Cuenca geweht. Nur gut, dass ich nicht an diesem Wochenende in Baños bin!

Aber Selina und ich verlassen mit einer anderen Reisenden unseres Hostels aus Argentinien auch nur knapp eine Stunde nach unserer Ankunft schon wieder das Cuenca, um nach Ingapirca zu fahren, wo die besterhaltenesten Ruinen aus der Herrschaftsepoche der Inkas zu besichtigen sind.
El Templo del Sol ( Inka- Sonnentempel )
Bevor die Inkas ihrem Templo del Sol errichteten, vernichteten sie mehr oder weniger die Festung der Cañaris, der Ureinwohner der Region. Heute kann man noch aus beiden Epochen die jeweiligen Festungen, bzw. deren Mauerreste, die einmal Schlaf- Gebetsraeume und Staelle darstellten begutachten. Nach der Fuehrung kann man auf einem 20-minuetigen Spaziergang durch die Tempelanlage noch weitere Inkanachlaesse wie ein riesiges, in Fels gehauenes Inkagesicht bewundern.
In Fels gehauenes Inkagesicht
Zurueck in Cuenca muessen wir feststellen, dass die Stadt, die seit 2001 zum Welterbe der UNESCO zaehlt und was Sauberkeit, Organisation (es gibt Buslinienplaene!!!) und Sicherheit angeht, Ecuador im Allgemeinen um Laengen voraus ist, aber ansonsten an einem Sonntag nicht viel zu erleben ist. Nur wenige Kioske, nicht einmal Restaurant haben geoeffnent und so bleibt uns nur das Bestaunen der zahlreichen Kirchen und Kathedralen sowie wunderschonenen republikanischen Stadthaeuser, die neoklassische wie koloniaale Archtitekturelemente miteinander verbinden (und teils sogar noch Inka-Elemente erkennen lassen), die die Kopfsteinpflasterstrassen saeumen.
La Nueva Catedrale Schoene Haeuser... verdeckt von den Wahlplakaten fuer die anstehenden Lokalwahlen am 23. Februar. Wenigstens gibt es Plakate und die Haeuser werden nicht mit Wahlslogans beschmiert, wie in kleinen Orten...
Am naechsten Morgen wirkt die Geisterstadt vom Vorabend dagegen wie ausgewechselt, doch wir haben kaum Zeit das Leben auf der Strasse auf uns wirken zu lassen, weil fuer den heutigen Tag eine Wanderung im Nationalpark El Cajas geplant ist.
El Cajas ist ein riesiges Naturschutzgebiet mit 786 Lagunen und Bergseen, die eingerahmt von Bergen, Fluessen (die in beide Ozeane muenden), Wasserfaellen, Polylepsiswaeldern eine wunderschoene Landschaft formen.

Beim Terminal Terrestre sind angeblich alle Busse voll (was kaum vorstellbar ist), also nehmen wir ein Taxi zum Terminal im Sueden, um von dort die 90-minuetige Anfahrt anzutreten.

Von Reisefuehrern und Taxiahrern werden wir auf die Kaelte des Nationalparks angewiesen, aber wir haben ausnahmsweise Glueck mit dem Wetter. Solange der Wind nicht zu stark ist und die Sonne scheint, sind die Temperaturen sehr angenehm und das einzige Problem ist nun, dass wir viele Jacken mit uns herum schleppen muessen.
Es ist aus Sicherheitsgruenden obligatorisch, sich vor Beginn der Wanderung samt Reisepassnummer registrieren zu lassen und eigentlich erhaelt man dort auch eine Karte fuer die Wanderung, die aber irgendwie (typisch Ecuador) nicht vorhanden sind. Na gut, dann gehen wir halt ohne Karte. Aber zumindest sind wir noch so intelligent eine Karte, die aushaengt, abzufotografieren.
Das stellt sich noch als eine kluge Idee heraus: nachdem wir bereits "falsch", bzw. mit einem Umweg (weil wir die Lagune Toredora umrundet haben) angefingen,  spaeter aber dann auf unserer pinken Route 1 angelangt sind, gibt es ploetzlich keine knallpinken Wegmarkierungen mehr, geschweige denn ueberhaupt einen Weg.
Noch vor dem Umweg... vor der Lagune Toredora Laguna Torturas
Es bleibt uns also nichts anderes uebrig als mit viel Fantasie im teils hohen Gras eingetretene Pfade erkennen zu meinen, das geschossene Foto als Karte und unseren Verstand zu nutzen, wenn unser Kopf nicht gerade damit ueberfordert ist, nach Liedern zu suchen, in denen das Wort "Weg" vorkommt.
Singend, suchend, staunend, lachend auf einen imaginaeren Wanderweg durch bezaubernde Naturlandschaften und die Lagunen Unidas und Torturas (traumhaft schoen!) und einen Bach passierend, wandern wir weitere 90 Minuten, bis man wieder deutlich einen Weg erkennen kann.
Auf diesem steht dann tatsaechlich nach wenigen hundert Metern ein grosser, mit einem pinken Streifen versehenen Pfeiler!
Zunaechst ueberwiegt die Freude darueber, dass wir in der von uns eingeschlagenen Route "bestaetigt" werde, aber als im Laufe der naechsten Minuten fast schon provozierend oft Wegmarkierungen aufgestellt sind, kommen wir uns ein wenig veralbert vor.

Als sich der Weg kurz danach in ZWEI pinke Wanderwege gabelt, sind wir wiederum sehr verwirrt, aber es stellt sich heraus, dass der eine Pfad zu einem Parkplatz fuehrt, von dem man auch einen Bus Richtung Cuenca nehmen kann. Wir wollen aber zurueck zur Schutzhuette und die erreichen wir, von vielen pinken Markierungen begleitet, auch bereits kurze Zeit spaeter. Insgesamt haben wir fuer die Strecke, die mit 4-5 Stunden Zeitaufwand ausgegeben war, nur 3 Stunden benoetigt.
Es leben auch Pumas (und viele weitere Tiere) in dem Nationalpark aber das Glueck (oder Unglueck, je nach dem wie man das bewertet) einem zu begegnen, hatten wir leider nicht...

Dienstag ist Abreisetag, denn am Mittwoch muss ich wieder arbeiten, aber weil wir heute am nachmittags und nicht nachts losfahren, wollen wir wenigstens den Vormittag in der inzwischen doch sehr lebhaften Stadt nutzen.
Wir begutachten noch weitere Kirchen und Kloster, schlendern ueber ein paar Maerkte und schauen in ein paar Laeden mit Handwerksarbeiten, bis wir am Ufer des Flusses Tombebamba noch zwei Museen besuchen.
Das Museum ueber die Kultur und Tradition der Handwerksarbeiten (Mueso del CIDAP = centro interamericano de artesanías y artes populares) ist sehr interessant und bietet so gut wie alle Facetten auf: von ausgetrockneten, verzierten Kuerbissen, Bildern, Ponchos und andere Stoffarbeiten, ueber die fuer Cuenca bekannten Huete, Keramik- und Metallarbeiten bis hin zu Schmuck aus anderen Materialien.
Ueber die Kultur der Aborígenes, die Indígenas, ist das andere Museum.
Die ausgestellten Replikate und Fundstuecke (von 500v.Chr. bis ins 15. Jh.) sind liebevoll und informativ zusammengetragen worden, aber nachdem ich jetzt zum vierten Mal in kurzer Zeit in einem Museum mit Keramikfiguren, Shaiman- und Tierdarstellungen aller Art, Vasen, Tellern, Waffen und Werkzeuge war, wird der Blick etwas muede...
Anschliessend gehen wir noch zum Fluss und geniessen die suedecudorianische Sonne, ehe wir (bereits eine Stunde eher als geplant) um 13:30 den Bus Richtung Quito nehmen.
Die Fahrt dauert, wie zu erwarten, laenger - sie erscheint viel mehr endlos zu sein, aber trotz der Rueckenschmerzen nach der knapp zehnstuendigen Heimfahrt war es die Erlebnisse wert, die einen gelungenen Abschluss dieser so ereignisreichen und faszinierenden Zeit in Ecuador bilden.

Da ich an diesem Sonntag bereits nach Deutschland fliege: An dieser Stelle ein grosser Dank an all diejenigen, die mich auf diesem Wege "begleitet" und unermuedlich, die teils doch recht langen Berichte gelesen und kommentiert haben. Ich habe mich darueber sehr gefreut, so viele Rueckmeldungen zu bekommen!


Wandern auf Schnee und Asche - Wochenendbericht aus Quilotoa und vom Vulkan Cotopaxi

Dienstag, 28.01.2014

Es ist das erste Mal, dass ich ein Angebot der Sprachschule fuer Wochenendaktivitaeten annehme, zuvor war ich immer mehr oder weniger auf eigene Faust unterwegs. Diesmal ist also alles geplant und organisiert (sofern es so etwas ueberhaupt in Ecuador gibt).
Am Samstag um 7 Uhr morgens faehrt der Kleinbus mit insgesamt 25 Personen los in Richtung  Sueden.
Das Hauptziel des heutigen Tages ist eine, wenn nicht sogar die schoenste Lagune Ecuadors, der Bergsee Quilotoa.

Doch zunaechst stoppen wir mehrere Male auf dem ca. 2 1/2 stuendigen Weg. In Pujilí schlendern wir kurz ueber den Markt, der fuer seine Keramikarbeiten bekannt ist, aber merkwuerdigerweise mehr von Obststaenden dominiert wird.
Der Markt in Zumbahua, einem Dorf, das kurz vor Quliotoa liegt, gibt es ebenfalls viel Obst und Gemuese im Angebot, aber man bekommt auch einiges am Leben der Einheimischen mit.

Schon aus den Busfenstern konnte man die bergreiche, aber vegetationsarme Landschaft beobachten. Die vielen Bauern, die hier leben, betreiben oft Viehzucht und Ackerbau. Man sieht Schafe, Lamas, Kuehe, Pferde und Ziegen, wie sie bei Wind und kuehlen Temperaturen ueber die gruenen Wiesen getrieben werden. 
Auf dem recht bunten Markt gibt es von Schafswolle, frisch geschlachtetem Fleisch (und zwar so frisch, dass man dabei fast zuschauen kann) ueber die allbekannten Alpaca-Pullis und anderer Kleidung bis hin zu billigen Elektronikprodukten ein grosses Angebot. Zwischen den sich auftuermenden Bergen der ueber ein Dutzend verschiedenen Sorten von Bananen stehen die Dorfbewohner und preisen in traditioneller Kleidung samt Hut lauthals ihre Ware an.
Markt in Zumbahua
Wir bleiben aber nicht allzu lange auf dem Markt und erreichen gegen spaeten Vormittag die Lagune Quilotoa - und jetzt weiss ich auch, warum alle von ihr schwaermen!
Der Anblick ist atemberaubend! Fast kreisrund ist die Lagune und sie schimmert durch ihr schwefelhaltiges Wasser teilweise tuerkis zu uns hoch.

Lagune Quilotoa ... mit Schafen
Die 500 Meter zum Grund der Lagune sind in einer knappen halben Stunde geschafft, aber der Plan ist straff und wir haben kaum Zeit das idyllische Bild von grasenden, freilaufenden Eseln und Schafen am Rand der Lagune auf uns wirken zu lassen, weil das Kajakfahren ansteht.
Selina und ich schaffen es (ueberraschenderweise) waehrend der Paddeltour nicht ins Wasser zu fallen, aber nass bin ich, bzw. meine Hose trotzdem, weil ich noch nicht die Technik herausgefunden habe, wie man rudert, ohne dabei mit Wasser zu spritzen.
Da wie ja eh schon nass sind, koennen wir danach auch ganz ins Wasser. Gesagt, getan, 5 Minuten spaeter stehen wir bei frischem Wind im eiskalten Wasser. Laenger als zwei Minuten halte ich es in dem leicht streng riechenden Wasser nicht aus, ich habe das Gefuehl meine Beine sind schon nach 20 Sekunden abgestorben.
Gluecklicherweise scheint die Sonne und es ist nicht allzu kalt, nachdem wir wieder an Land sind. Aber selbst wenn das der Fall gewesen waere: all zu lange haette dieser Zustand nicht anhalten koennen, weil wir zuegig loswandern und uns schnell ziemlich warm wird.

Fuer die Strecke, die erst am Ufer des Sees entlang, dann durch Gebuesch und ueber Huegel fuehrt, ehe es dann ziemlich steil und serpentin die 500 Hoehenmeter wieder nach oben geht, um zuletzt wieder am Rand des Kraters zum Ausgangspunkt zurueckzukehren, werden etwa 2 bis 2 1/2 Stunden eingeplant.
Erstaunlicherweise sind wir, bzw. die ersten der grossen Gruppe, bereits nach ca. 95 Minuten wieder an dem Aussichtspunkt, bei dem wir unseren Ausflug starteten - laut Germán, einem unserer Sprachschulkoordinatoren, ist das der bisherige Rekord.
Auf dem Weg dorthin konnten wir trotz der anstrengenden Kraxelei die Landschaft mehr als geniessen. Lamas und Esel grasen, Fichten und Tannen umrahmen den unglaublichen Blick auf die Lagune. 

Es liegen noch zweieinhalb Stunden Busfahrt vor uns, ehe wir bei stroemendem Regen und Eiseskaelte die Lodge erreichen, in der wir uebernachten werden. Nach dem Abendessen gibt es noch heissen (und ziemlich starken) Canelazo und einer der Sprachschullehrer stimmt mit seiner Gitarre ein paar Lieder an, bevor es dann Zeit zum Schlafen im grossen Schlafsaal mit Stockbetten ist.
Denn um 7 Uhr in der Fruehe wird gefruehstueckt, damit wir zeitig aufbrechen koennen, um das gute Wetter morgens fuer die Besteigung des Cotopaxis auszunutzen.
Das fruehe Aufstehen lohnt sich (trotz Chuchaquis (Hangover) fuer manche) allein schon fuer den Anblick des nahen Cotopaxis mit seinem schneebedeckten Gipfel inder Morgendaemmerung (teilweise kann man den Cotopaxi sogar in Quito sehen, aber natuerlich nicht so nah und scharf wie hier).
Der Cotopaxi ist einer groessten aktiven Vulkane der Erde und gehoert zu einer ganzen Reihe von riesigen Bergen und Vulkanen, die Ecuador von Norden nach Sueden auf der "Strasse der Vulkane" durchziehen.
Der Cotopaxi
Auf der einstuendigen Anfahrt zum Nationalpark Cotopaxi sehen wir so auch den Chimborazo, den mit 6.310 Metern groessten Berg des Landes.
Der 5.897 Meter maechtige Cotopaxi, der seine letzte Erruption im Jahr 1940 verzeichnete, liegt im gleichnamigen Nationalpark, umgeben von Bergseen und den dort grasenden Wildpferden.
Auch wenn wir den Berg nicht bis zum Gipfel erklimmen, weil man dazu bis zu 10 Stunden braucht und um 1 Uhr nachts aufbrechen muss, ist es obligatorisch mit Guides zu wandern.

Mit dem Bus fahren wir bis zu dem Parkplatz auf 4500 Meter Hoehe und schon beim Verlassen des Busses merkt man die kalte Luft, die es noetig macht, sich angemessen zu kleiden. Normalerweise erreicht man nach einer Stunde Wandern auf schwarzer und roter Vulkanasche die Schutzhuette José Ribas, aber auch diesmal werde ich von unserem Tempo ueberrascht. Trotz regelmaessiger Pausen und Zufuhr von Zucker, um mit Hoehe, Kaelte und Anstrengung zurechtzukommen, sind wir bereits nach einer halben Stunde an der sich gerade in Renovierungsarbeiten befindenen Huette.
Hier wird die Kleidungsdicke noch einmal weiter erhoeht, denn bis zur Schneegrenze ist es nicht mehr weit.
Nach etwa 20 Minuten ist es dann tatsaechlich so weit: mein erster Kontakt mit Schnee in diesem Winter! 
Wir wandern weiter; die schmalen, kaum passierbaren Wege werden zunehmend rutschiger und steiler und ich frage mich, wie wir eigentlich wieder hinunterkommen sollen, zumal die Sicht keine 50 Meter reicht - wir sind mitten in den Wolken...
Weitere 20 Minuten spaeter sind die ersten unserer Gruppe am Ziel: am Gletscher auf 5.100 Meter!
Wir haben Glueck, dass sich just fuer diese 10 Minuten am Zielort die Wolkendecke ein wenig lockert, die Sonne herauskommt und wir einen Blick auf den strahlend blauen Himmel erhaschen. Das "ewige Eis" schimmert, die Sicht ist ein wenig klarer und man sieht ringsherum nur Gesichter, die mit der Sonne, um die Wette strahlen - pures Adrenalin, pure Freude durch den Aufstieg und die Sicht ... und die Schokolade im Mund.
Durch die Sonne schmilzt auch das Eis am Gletscher und es ist wird nass und rutschig, sodass wir beim Versuch die eisbedeckte Schicht wieder zu verlassen Acht geben muessen, nicht zu stuerzen.
Gletscher am Cotopaxi
Nach der Eisdecke kommt wieder die ewige Landschaft aus rotem und schwarzem Lavagestein und da es sehr steil hinunter geht, ist es intelligenter, die Hacken in den Sand zu stellen und besser schnell als langsam hinunterzulaufen (wenn auch nicht zu schnell, will man bedingt durch die Hoehe keine Kopfschmerzen bekommen). Dabei kommt zwar ein Steinstrand in die Schuhe, aber man faellt (nicht so oft und leicht - ich schaffe das natuerlich trotzdem) hin.
Insgesamt benoetigen wir fuer die gesamte Wanderung weniger als drei Stunden, auch wenn wir noch auf die letzten Nachzuegler warten.
Weil wir so gut in der Zeit liegen, haben wir noch Zeit fuer die Besichtigung der Lagune Limpiopungo unterhalb des "Inkabergs" Rumiñahui auf dem Gelaende des Nationalparks.
Die ist natuerlich nicht vergleichlich mit der Lagune vom Vortag, aber ein schoener Ausklang nach einem aufregenden, erlebnisreichen Wochenendausflug, der nach dem gemeinsamen Mittagessen in unserer Lodge und einer, nur 1 1/2 Stunden dauernden Rueckfahrt um 17 Uhr in Quito endet.

 

Mit den kleinsten Affen der Welt unter den groessten Baeumen Suedamerikas - Reisebericht aus dem Regenwald in Cuyabeno

Montag, 20.01.2014

Seit meiner Ankunft in Ecuador habe ich in mehrerer Hinsicht schon viele, verschiedene Dinge erleben duerfen. Was bisher fehlte, war ein Aufenthalt in der vierten groessen Klimazone Ecuadors: dem "Oriente". Denn die Galapagos-Inseln, die Costa (Puerto López) und die Sierra (Quito etc.) habe ich schon mehr oder wenige ausgiebig erfahren. Mit meinen vier Mitstreitern Iris, Selina, Steffi und Undine geht es ab Mittwoch Abend in den Dschungel, bzw. Regenwald in Cuyabeno. Das Gebiet liegt im Nordosten Ecuadors und grenzt an Kolumbien, weswegen auf den Busfahrten auch strenge Militaer- und Polizeikontrollen stattfinden.
So auch auf der Hinfahrt. Nachdem wir um 23 Uhr Quito mit dem Reisebus verlassen, gibt es - gluecklicherweise die einzige auf der Hinfahrt - um 4:30Uhr in der Fruehe eine Militaerkontrolle. Die meisten Passagiere schlafen natuerlich, aber das haelt den Soldaten nicht davon ab, saemtlichen Insassen mit seiner Taschenlampe ins Gesicht zu leuchten, waehrend seine Kollege uns filmt. Aber es muessen ohnehin alle aussteigen und die Paesse vorzeigen, ehe wir wieder einsteigen und die Fahrt fortsetzen duerfen.
Eine Stunde spaeter erreichen wir den Busterminal in Lago Agrio, wo wir Iris wieder treffen. Die letzten Kilometer bis zum Busbahnhof musste diese naemlich im Taxi zuruecklegen, weil der Busfahrer sie nicht mehr hat einsteigen lassen wollen, als sie in einer Pause ihren Reisepass aus dem Rucksack am Gepaeckfach hatte holen wollen.
Nachdem wir also wieder vollzaehlig sind, fahren wir per Taxi zu einem Hotel in Lago Agrio, das in 3 Stunden der Treffpunkt fuer die Weiterfahrt sein wird.
Mein Versuch, auf dem Aspahlt den fehlenden Schlaf der Busfahrt nachzuholen, schlaegt fehl - stattdessen fuelle ich dann meinen Energiespeicher in Form von Kohlenhydraten.

Um 9 Uhr werden wir mit anderen Dschungeltourteilnehmern abgeholt und in einem klapprigen, kleinen Bus fahren wir zwei Stunden durch aermliche Gebiete und viel Vegetation auf teils nicht geteerten Strassen zur Anlegestelle in Cuyabeno, wo dann der letzte Teil der Anreise beginnt. Die zweistuendige Bootstour fuehrt uns zu unserer Loge, unserem Zuhause fuer die naechsten vier Tage.
Blick vom Boot aus auf der Hinfahrt (noch vor dem Wolkenbruch)
Dort angekommen, sind wir alle klatschnass, denn das erst heiss-feuchte Wetter hat sich waehrend der Fahrt schlagartig geaendert und nach dem Wolkenbruch (und den von der Crew vergessenen Regenponchos) sind auch meine Reisetaschen durchnaesst, sodass ich nur noch die Wahl zwischen klatschnasser, nasser und feuchter Kleidung habe.
Im stroemenden Regen konnten wir aber eine riesige und gerade im Verdauungszustand verweilende Anakonda im Flusswasser bewundern und sogar anfassen, aber ich halte bei meiner Sympathie fuer Schlangen lieber etwas Abstand.

Am Nachmittag gibt es noch eine kleine Bootstour, bei der wir einen ersten Eindruck von der riesigen Biodiversitaet des Faunareservats, denn laut aktuellem Stand - und es ist nicht einmal alles gaenzlich erforscht - gehoert das drittgroesste Schutzgebiet Ecuadors zu den artenreichsten der Erde. Dass wir zur Trockezeit in Cuyabeno sind, merkt man daran, dass der Wasserstand in der Regenzeit bis ueber 4 Meter hoeher liegen kann und daher die Laguna Grande um Einiges geschrumpft und mit matschigen Ufern ausgestattet ist. Trotzdem springen wir und ins schlammbraune Wasser, in dem auch Kaimane und Piranhas ihre Runden drehen.
Kaiman in der Sonne

In der Lodge werden die ohnehin etwas anderen hygienischen Zustaende nochmal unterschritten und es ist obligatorisch, unser an ein Jugendherbergszimmer erinnerndes Kabuff nach Taranteln abzusuchen. Es ist alles offen, Tiere und Insekten haben "freie Bahn", weswegen das Eincremen mit Moskito-Blocker noch wichtiger wird und das dauerfeuchte Klima macht das Trocknen von Klamotten schlicht unmoeglich.

Am naechsten Morgen, am Freitag, steht eine dreistuendige Wanderung durch den Dschungel auf der Agenda und passend zum Beginn dieser faengt es mal wieder an wie aus Kuebeln zu regnen.
Die Regenponchos, die wir diesmal dabei haben, bringen nichts, ausser Hautausschlag bei einigen Wanderern. Wir sehen Exemplare des groessten Baumes Suedamerikas, riesige Termitennester, Affen und unzaehlige Vogelarten und erfahren von den heilsamen Wirkstoffen mancher Pflanzen.
Der Weg wird immer unpassierbarer, nicht nur Baumstaemme versperren den rutschigen Pfad, nach einiger Zeit steht dieser derart unter Wasser, dass man nur mit Muehe seine Gummistiefel aus dem Morast bekommt, um einen Fuss vor den anderen zu setzen.
Dabei verliert man schon mal das Gleichgewicht und fasst reflexartig an einen Ast, der in der Naehe ist, um nicht gaenzlich ein Schlammbad zu nehmen. Da der Ast aber mit spitzen Stacheln ausgestattet ist, hat so gut wie jeder von uns am Ende der Wanderung ein paar Stacheln in den Handinnenflaechen.

Nachmittags fahren wir abermals mit dem Boot und sehen noch mehr Tiere. Kapuziner- und Bruellaffen und Tigerreiher sind dabei, viele Kaimane, die in der Sonne doesen und sogar Aras, die immer als Paar unterwegs sind, koennen wir beobachten. Nur ein Blick auf die rosa Flussdelfine sind uns nicht vergoennt, aber das ist der "Trockenzeit" geschuldet, da die Saeugetiere dann lieber in tiefere Gewaesser schwimmen.
Bei der Rueckfahrt in Dunkelheit sehen wir dann die vielen roten Augenpaare der nachtaktiven Tiere rings um uns herum aufleuchten und ein fast 5 Meter grosser Kaiman laesst es zu, dass wir uns ihm bis auf wenige Zentimeter naehern.

Am letzten richtigen Dschungeltag besuchen wir das indígene Dorf San Victoriano, das zu dem Volksstamm der Sionas gehoert. Insgesamt leben die noch ca. 800 zaehlenden Indigenas in 5 verschiedene Volksstaemmen, neben den Sionas gibt es die Cofanas, Secoyas, die Shuars und die Kichwas (Quechua). Auf der Hinfahrt beobachten wir noch die kleinste Affenart der Welt: die Bergaffen, ehe wir dann (ausnahmsweise trockenen Fusses) das Dorf erreichen.
Unser Guía Neiser zeigt uns, wie man mit einem Blasrohr auf Tierjagd geht - und ich verfehle nur um wenige Millimeter das angepeilte Ziel beim darauffolgenden Ueben - mit ein wenig Training koennte ich vielleicht spaeter Blasrohrjaegerin werden, falls das mit dem Studium nicht klappt.
Mit einer Indígena geht unsere Gruppe los, um Yucapflanzen zwischen Kakao-, Kaffee- und Chiligewaechsen sowie Bananenstaudenzu zu ernten. Yuca ist eine kartoffelaehnliche Pflanze und auesserst beliebt in Ecuador. Nach der Ernte lernen wir, wie man die blausaeurehaltigen Pflanzen zu essbarem (und leckerem!) Brot ("Pan de yuca") weiterverarbeitet : schaelen, raspeln, "entwaessern" und schliesslich wird es  auf einer heissen Platte ueber dem Feuer ohne weitere Zusaetze gebacken.
Die Yuca-Pflanze wird geschaelt... ... und nach dem es eine mehlige Konsistenz bekommen hat - zu Pan de Yuca gebacken.
Das fertige, an diesem Ort an Fladen erinnernde Brot, wird dann direkt verzehrt, ehe wir den Shaiman des Dorfes treffen, der uns den Rest des Dorfes zeigt (es gibt sogar HIER , mitten im Urwald, einen Fussballplatz...!) und uns die tradionelle Heilkunst naeher bringt (es gibt z.B. Pflanzen, die bei Menstruationsbeschwerden helfen sollen, Fruchtbarkeit einschraenken oder foerdern und auch Gewaechse mit Inhaltsstoffen, die als Gegengift nach Schlangenbissen wirken.).
Der Shaiman vor dem Ritual
Das Dorf ist natuerlich nicht mehr gaenzlich abgeschnitten von der westlichen Zivilisation: mit einem Radio werden Fussballspiele verfolgt und ab und an bekommen die Ureinwohner Besuch von westlichen Aerzten, die die Kinder untersuchen, weil nach der der Oelkatastrophe vor einigen Jahren das Wasser am Fluss kontaminiert ist - gluecklicherweise steht der Shaiman der westlichen Medizin recht offen gegenueber.
Nach einem musikalisch unterlegten Ritual, das eins unserer Gruppenmitglieder vom taeglichen Stress entspannen und energetisch aufladen soll, verabschieden wir uns von den San Victorianos.

Bisher waren die Nachtwanderungen jedes Mal buchstaeblich ins Wasser gefallen, an diesem Abend aber findet sie statt. Mit Taschenlampen und Gummistiefeln stapfen wir durch den Regenwald und als wir nach Aufforderung die Augen schliessen, wird einem der enorme Laermpegel um uns herum bewusst. Von ueberall her drinen Geraeusche auf einen ein. Alles knartscht, knistert, kreischt, klackert, heult auf, plaetschert und knurrt.
Allein die Laute der Tiere sind unglaublich vielfaeltig und beeindruckend!
Wir finden ein paar riesige Fussspuren eines Raubtieres, es selbst taucht aber nicht auf. Daher muessen wir uns mit ein paar riesigen Spinnen, Froeschen, ein paar roten Augenpaaren hoch ueber uns und den Gluehwuermchen begnuegen.

Mehr Tiere gibt es dafuer am naechsten - und letzten - Morgen, als wir uns zur Vogelbeobachtung frueh morgens auf dem 25 Meter hohen Turm treffen. Neben weiteren Aras und Tukanen sehen wir noch unzaehlige weitere, verschiedene Vogelarten. Das Highlight aber ist, dass sich neben dem Aussichtsturm ein Baum mit vielen Fruechten befindet, den einige Affenstaemme als Fruehstuecksrestaurant auserkoren haben.
Und so kommt es, dass wir aus wenigen Metern Entfernung Muttertiere mit ihren Babys auf dem Ruecken und uebermuetige Maennchen verschiedener Affenarten von Ast zu Ast springen und klettern sehen. Scheu sind sie nicht: wenn sie nicht gerade mit dem Essen beschaeftigt sind, machen sie Grimassen und man koennte meinen, sie wollen uns provozieren.
Aber das lassen wir nicht zu und verlassen den Turm, um selbst fruehstuecken zu gehen.
Anschliessend machen wir uns startklar fuer die Rueckfahrt, bei der wir, ganz wie es sich fuer den Regenwald gehoert, mit einem weiteren Regenschauer verabschiedet werden.
Als wir 4 Stunden spaeter in Lago Agrio ankommen, muessen wir feststellen, dass wir erst in 3 Stunden freie Plaetze in einem Bus nach Quito bekommen werden. Wir stehen also vor einer laengeren Wartezeit in einer Provinz"stadt", in der wir uns aber dank unserer etwas merkwuerdigen Mitmenschen um uns herum bestens amuesieren.
Auf der Rueckfahrt stehen weitere Militaerkontrollen samt Einsatz von Spuerhunden an unseren Reisetaschen an. Der Geruchtscocktail aus Sonnencreme, Mueckenspray, dauerhaft feuchter Kleidung und Schlamm und Dreck ist nicht gerade angenehm und die gefuehlt drei Millionen Moskitostiche an meinen Armen und Beinen sowie der inzwischen leicht entzuendeten Hand wegen der Stacheln machen mir den Abschied aus dem Dschungel nicht sonderlich schwer, auch wenn vielen Erfahrungen und Eindruecke jeden einzelnen Stich wert waren.

Als ich um 23:30 nach Hause komme, habe ich nur noch wenige Stunden Schlaf vor mir, aber auch das ist nicht weiter schlimm, denn am Montag Morgen darf ich bereits zum dritten Mal bei einem Kaiserschnitt dabei sein und erleben, wie ein kleines, kerngesundes Baby in Quito, am Mittelpunkt der Erde, das Licht der Welt erblickt. 

"Arbeiten" im Krankenhaus

Dienstag, 07.01.2014

Mein erster Tag im Krankenhaus haette gar nicht katastrophaler verlaufen koennen.
Aber das erste Problem war, dass ich nicht einmal dorthin kam...

Weil ich an meinem ersten Tag natuerlich nicht zu spaet kommen will, stehe ich um 5:45 Uhr auf und stehe eine Stunde spaeter an dem Punkt, von dem ich glaube, dass dort ein Bus haelt. Der Bus mit der Nummer R13 kommt und kommt aber nicht. Ich werde unruhig, frage Passanten, ob hier der Bus tatsaechlich abfaehrt, aber auch als diese Frage bejaht wird, kann ich mich nicht entspannen, denn es kommt mehrere Male die R12 und andere seltsame aussehende Busse, aber nicht der, den ich brauche.
Meinen Koordinator fuer mein Projekt erreiche ich natuerlich nicht, also entscheide ich mich dazu ein Taxi zu nehmen.
Der Taxifahrer weiss entgegen seiner Aussage den Weg in den Sueden anscheinend nicht, sonst muesste er nicht mehrmals anhalten und Passanten nach dem Weg fragen, wahrend neben dem Totenkopflenkrad ein Plueschtiger mit Kulleraugen baumelt.
Das Privatkrankenhaus, in dem ich arbeite, liegt im Sueden Quitos, es ist eine deutlich aermlichere Gegend. Um 8 Uhr morgens beginnt mein Projekt offiziell,nach ueber einer Stunde Fahrtzeit, 12 Dollar weniger in meiner Hosentasche (das ist hier sehr viel Geld!) und deutlich weniger Nerven komme ich um 8:15 Uhr im Krankenhaus an.
Dass ich zu spaet bin, ist aber herzlich egal, weil es absolut niemanden interessiert.
Die Krankenschwestern in der Paediatrie ignorieren mich und nur eine nette Studentin redet mit mir und zeigt mir meine Beschaeftigungsmoeglichkeit fuer die kommenden Stunden - Gasas (Kompressen) falten!

Am zweiten Tag kommt tatsaechlich ein Bus (eine Stunde Hinfahrt, 90 Minuten Rueckfahrt) und ich darf Blutdrueck, Groesse und Gewicht von Patienten in der Preparación der Paediatrie (mit etwas altertuemlichen und ungenauen Geraeten) messen. Ab und an darf ich auch dabei helfen, die Babys zu wiegen, ansonsten bleibt mir immer noch das Gasas falten...


Am dritten Tag begehe ich einen Fehler: Ich frage, ob ich, wie viele andere, einen Arzt begleiten kann. Angeblich hat keiner der Aerzte gerade Zeit, bzw. die Moeglichkeit mich mitzuschleifen.
Statt eine Sprechstunde mitzuerleben, werde ich zur "Bodega" gebracht. Was das ist, weiss ich erst, als ich da bin: Es ist ein Lagerraum mit allen moeglichen Utensilien und Geraeten.
Meine Aufgabe besteht darin, dass ich die Kugelschreiber, Klarsichtfolien, Druckerpatronen, Briefumschlaege etc. zaehlen und in eine Liste eintragen darf. Welch ein Highlight - aber wenigstens sind die Mitarbeiter da nett.

Ich lerne aber daraus und wende mich kuenftig nur noch an die Schwestern, wenn es sein muss. Dafuer nimmt Katja, eine andere Voluntaerin meiner Sprachschule, die schon seit 5 Wochen im Krankenhaus arbeitet, mich "an die Hand" und zeigt mir, was ich wo finde, wie machen kann und wann ich wo hin muss, um etwas zu lernen.
Eigentlich soll ich die ersten zwei Wochen auf der Paediatriestation sein, aber da das ja ohnehin niemanden interessiert, ob ich ueberhaupt da bin, sitze ich nun mit Katja in der Sprechstunde eines Gynaekologen, der uns unser auch laengerfristig annimmt.
Allein durch das Dabeisein lerne und sehe ich so viel mehr - z.B. dass das durchschnittliche Alter der werdenden Mutter bei ihrer ersten Schwangerschaft in Ecuador bei 16 Jahren liegt und das Maedchen vor mir mit 14 Jahren sogar noch darunter liegt. In meinem Alter sind nicht wenige schon mehrfache Mutter...

Am Dienstag, den 24.12., Heiligabend, bin ich zum Arbeiten im Krankenhaus. Und das fruehe Aufstehen, waehrend scheinbar die ganze Welt ausschlaeft, lohnt sich.
Ich darf in der Sprechstunde eines Gynaekologen sitzen - und sogar assistieren!
Bei den Schwangeren darf ich mit einem kleinen Geraet die Herzschlagfrequenz messen das Highlight folgt aber beim naechsten Termin: Die Patientin hat vor 16 Tagen per Kaiserschnitt ihr zweites Kind auf die Welt gebracht, der Schnitt wurde aber nicht ordentlich vernaeht und die Naht hat sich in sich verhakt. Meine Aufgabe ist es, den Faden zu loesen und komplett zu entfernen. Das gestaltet sich aber schwieriger als angenommen und die Frau hat ziemliche Schmerzen. Ich bin unsicher, ob ich meine Arbeit richtig mache, aber der Arzt beruhigt mich, dass das bei diesen Bedingungen normal ist.
Die Moeglichkeit, den Faden zu entfernen und das damit verbundene Vertrauen, sind meine persoenlichen Weihnachtsgeschenke.
Meine Haende kann ich leider nicht waschen nach dem Patientenkontakt - das Wasser ist abgestellt worden oder die Leitung unterbrochen - wer weiss.
Das passiert bei mir zuhause auch nicht selten, aber im Krankenhaus ist fliessendes Wasser nochmal von anderer Bedeutung...
Ich bin froh, wenigstens mein Desinfektionsmittel in der Hosentasche zu haben.
Und auch die Diskrepanz zwischen den Krankenhaeusern ist gross - in anderen wird beispielsweise gefilmt, ob sich das Personal auch ordnungsgemaess die Haende waescht.

In der Emergencia lerne ich von Katja, die (etwas moderneren) Geraete z.B. zur Sauerstoffsaettigung zu bedienen und ich gewinne mit jedem Patienten ein wenig mehr Sicherheit im Umgang mit Patienten und Geraeten und das waechst natuerlich auch proportional zu dem Wissen, das ich in der clase de la medicina erwerbe.

Mehrmals in der Woche am Nachmittag treffen Katja, Cara, Franzi und ich uns mit Larry, einem Arzt, der uns auch nach unserem obligatorischen Medizinkurs noch weitere Dinge beibringt und uns diese ueben laesst. So lerne ich z.B. an einem Huehnchen (das furchtbar stinkt), wie man Fleischwunden vernaeht, denn die Haut des Gefluegels soll vergleichbar mit der Haut eines Kindes sein. Ebenso werden wir belehrt, dass das Blutdruckmessen im Krankenhaus oftmals falsch praktiziert wird.
Fuer das Infusionen legen, nehmen wir uns gegenseitig als Versuchskaninchen, aber nur durch das Ueben koennen wir es lernen, reden und Videos anschauen reicht da nicht aus.

Es ist oft demotivierend, in dem Krankenhaus zu arbeiten, weil andere Voluntaere in anderen Krankenhaeusern mehr machen duerfen und mehr sehen, aber wenn man durch die anderen Praktikanten gezeigt bekommt, wie, was und wo, kann man dennoch einiges mitnehmen.
Ich hoffe, dass ich das, was ich neu erlernt habe und noch lerne - zum Beispiel auf der Neonatologie, weiter (im Krankenhaus) ueben kann und vielleicht habe ich das Glueck, bald bei einer Operation oder sogar einer Geburt dabei sein zu koennen... das waere wrklich ein Highlight!

Adrenalinausbrueche am Vulkan Tungurahua - Wochenendbericht aus Baños de Agua Santa

Montag, 06.01.2014

Der Wochenendtrip geht dieses Mal nach Baños de Agua Santa, einem Ort, der etwa 4 Stunden von Quito entfernt ist, wobei Astrid, Birgit und ich am Freitag Morgen laenger brauchen, weil der Stadtbus mit der Aufschrift "Quitumbe" nicht nach Quitumbe bzw. des Busbahnhofs dort faehrt. Wieder etwas gelernt.
Der sonst so sonnig-warme Ort Baños - "Baeder"- wird seinem Namen an diesem Wochenende mehr als gerecht. Als wir ankommen, ist es zwar noch trocken und recht warm, aber das aendert sich im Laufe des Tages.
Fuer den Nachmittag ist eine Wanderung zum "Mirador Ojos del Volcan" (Aussichtspunkt mit dem Blick auf den noch aktiven Vulkan Tungurahua) geplant, aber es stellt sich als eine gute Entscheidung heraus, vorzeitig abzubrechen, denn zur einsetzenden Dunkelheit kommt auch noch Regen und Wind dazu.

Beim "Warm-Up" fuer das Wochenende will ich ohnehin keine Erkaeltung im T-Shirt riskieren, denn am naechsten Morgen geht es bereits um 9 Uhr los mit dem Rafting.
Ich war noch nie zuvor Raften und bin beeindruckt, als ich in einem aermellosen Neoprenanzug und Helm und einem Ruder ausgestattet bei stroemendem Regen am Ufer des Río Pastaza stehe. Starke Stroemungen, riesige Findlinge - ein reissender Fluss.
Eine kurze Einweisung spaeter sitzen sechs Personen und unser Guide im Boot - und auf geht´s! Im Gleichtakt bewegen wir uns vor- oder auch mal rueckwaerts, je nach dem was unser Guide lauthals anordnet. Durch den Regen bin ich sowieso schon klatschnass, aber das eiskalte Wasser tut sein uebriges, dass ich fuer die folgenden 90 Minuten Gaensehaut habe und mit mit den Zaehnen klapper - was man aber aufgrund des enormen Laermpegels natuerlich nicht hoert. In den "Holes", wo zwei Stroemungen aufeinandertreffen, kann ein Boot auch schon mal eine Zeit "stecken" bleiben bzw. von mehreren Seiten derart herumbugsiert werden, dass es beinahe umkippt. 
Als wir im groessten aller Loecher stecken, sitze ich vorne im Boot und bekomme so viel Wasser ins Gesicht, dass ich automatisch aufstehe, anstatt wie befohlen mich im Boot zusammenzukauern. Das haette fuer mich auch mit einer Landung aus dem Boot aendern koennen, aber es geht alles gut und das Verlassen des Bootes kommt ort- und zeitgemaess.
Rafting - bei Regen und Kaelte
Nach schnellem Umziehen (ich bin so froh, aus dem nasskalten Anzug heraus zu sein!) gibt es ein Mittagessen und anschliessend geht es mit Canyoning weiter, was ebenfalls neu fuer mich ist.
In einer kleiner, aermlichen Lehmbodenhuette ziehen wir unsere nassen Neoprenanzuege an - bekommen aber gluecklicherweise noch einen Pulli dazu, dass fuer die naechsten vier Stunden zumindest auch die Arme bedeckt sind - und es regnet weiter wie aus Kuebeln.
Die Wasserfaelle, an denen wir uns herunterseilen werden, sind von 8 bis 24 Meter hoch und zunaechst stehen die obligatorischen Trockenuebungen an, ehe es mit unserer 13-koepfigen Truppe (ausser uns drei Deutschen hat sich noch eine kolumbianische Grossfamilie angemeldet)losgeht.
Die ersten beiden Wasserfaelle sind "normal", das heisst, man seilt sich langsam, mit dem Gesicht zum Wasserfall und den Fuessen an der Wand, sofern man dort einen sicheren Halt gefunden hat, ab.
Canyoning
Beim dritten Wasserfall muessen wir uns einfach fallen und darauf bauen, dass die Guides rechtzeitig am Seil ziehen, damit man nicht gegen den gegenueberliegenden Felsen "klatscht".
Huepfen muss man beim darauffolgenden Wasserfall - immer wieder stoesst man sich mit den Fuessen von der Felswand ab, auch um nicht zu viel Wasser ins Gesicht zu bekommen. Die ganze Tour dauert eine gefuehlte Ewigkeit (wohl auch, weil wir so viele sind) ,alle, auch unsere Guides, frieren und ich bin erleichtert, als auch der Letzte den fuenften Wasserfall heruntergerutscht ist (im wahrsten Sinne des Wortes!), damit wir zur Huette zurueckwandern und uns nach weiteren 4 nassen Stunden endlich trockenene Sachen anziehen koennen!

Auch am Sonntag ist das Wetter unveraendert, die geplante Fahrradtour faellt endgueltig und buchstaeblich  ins Wasser - aber dann gehen wir halt wandern. Wir wandern unterhalb des Tungurahuas entlang (Bestiegen werden kann dieser nicht, weil seine Vulkanaktivitaet zu hoch, es also zu gefaherlich ist). Zunaechst wandern wir zur "La Virgen", einer Jungfrauenstatue, die in der Vergangenheit schon mehrere Male die Einwohner Baños vor anstehenden Lavaerruptionen gewarnt und damit gerettet haben soll. Es zahlt sich aus, dass wir teilweise lernfaehig sind, denn dass man Schildern hier keinen Glauben schenken sollte, kommt mal wieder zur Geltung - wenn man in die entgegengesetzte Richtung wandert als angegeben, kommt man an...
Durch tropische Vegetation, schlammig-rutschige Pfade kraxeln wir weiter bergauf in Richtung Cafe del Cielo, einem Café im Dorf Runtun, das aber leider noch geschlossen hat, weil wir vor 13 Uhr dort sind und auch die Aussicht klang vielversprechender... obwohl wir BEFINDEN uns im Himmel, zumindest, was die tiefhaengenden Wolken angeht, die auf Augenhoehe sind (und das, obwohl Baños knapp 1000 Hoehenmeter weniger aufweist als Quito).
Dafuer sehen wir die Baumtomatenfelder und Avocadobaeume.Beim Abstieg gibt es weniger Gelegenheit, die Flora zu bestaunen, die Konzentration gilt dem Weg.
Offiziell ist im Moment Trockenzeit, aber wenn das "normal" fuer die Trockenzeit ist, muss der nun mehr als rutschige Pfad in der Regenzeit ein Bach sein.
Wie koennte es anders sein - jeder von uns dreien legt sich mindestens einmal auf die Nase und weil meine Schuhe schon von Beginn der Wanderung an durchnaesst sind, bin ich froh, als wir nach drei Stunden wieder im Hostel sind. Waehrend des Abstiegs haben wir noch einen kleinen Abstecher zum Cruz de Bellavista gemacht, einem Kreuz auf dem Berg, das nachts erleuchtet ist, aber bei Tageslicht kann man sich den Anblick ersparen.

Immer noch mit nassen Fuessen stehe ich ich 2 1/2 Stunden nach unserer Rueckkehr an der Bruecke San Francisco. Meine Knie, nein, mein ganzer Koerper zittern und ich atme tief durch, als ich nach unten schaue und den reissenden Fluss Rio Pastaza zig Meter unter mir sehe.
Was habe ich vor? Na, was wohl - Bridge Swing Jumping!
Wenn das so weiter geht, stelle ich mich in diesen 3 Monaten in Ecuador fast saemtlichen meiner Aengste.
Aber noch habe ich Angst - und was fuer welche! Ich entscheide mich, als Erste von uns Dreien zu springen, damit ich es mir nicht nochmal anders ueberlege, wenn ich so lange warte.
Astrids Kommentar, dass das Seil ja nicht sonderlich stabil aussehe, tut sein Uebriges. Danke, genau das wollte ich hoeren, Astrid!
Genug gejammert, Helm auf, Guertel umgebunden und festgezurrt, eine "trockene" Falluebung und dann stehe ich auf der Plattform. "Un poco más arriba" - ein Stueck weiter an den Rand der Platte. Meine Zehenspitzen sind nun beinahe in der Luft.
Ich gucke gen Horizont, atme tief durch und hoere den Guide hinter mir: "TRES, DOS, UNO!" Und ab gehts, ein kleiner Schubser, meine Fuesse haelt der Guide noch einen kurzen Moment fest, damit ich in jedem Fall kopfueber falle, bis ich dann einen Ueberschlag in der Luft mache - und zack, da falle ich ins Seil (das offensichtlich doch stabiler ist als angenommen).
Die (noch sonnige) Aussicht von der Bruecke aus am Freitag  Bruecke San Francisco
Meinen Nacken haette ich mal anspannen sollen,  mein Kopf wird unsanft in seiner Position veraendert, aber in dem Moment, als ich realisiere, was passiert ist, durchstroemt mich ein unbeschreibliches Gefuehl von Freiheit (welch Ironie, dass ich in einem Seil FESThaenge, aber das ist wohl besser als anders...) und ich schreie meine Freude heraus, denn das gewoehnliche Kreischen waehrend des Fallens hab ich wohl einfach vergessen.

Ein paar Mal schaukele ich noch in der Luft hin und her, dann werde ich von den Guides oben langsam heruntergelassen und an den Rand des Flussufers manoevriert, wo man die Seile loest und ich - am ganzen Koerper kribbelnd - grasenden Pferden ausweichend den nach oben zur Bruecke laufe, um den anderen beiden bei ihrem Sprung zuzusehen und diesen mit der Kamera festzuhalten. (Meine Kamera ist uebrigens neu, weil ich meine alte in der Vorwoche im Museo de la Ciudad habe fallen lassen - oder sie "auf den Boden geschmissen", wie Katja es ausdrueckt.)

Mit einem Hormoncocktail aus Adrenalin, Dopamin und einer Menge Endorphine sowie feuchter Kleidung, erschoepft, aber gluecklich sitzen wir nach den beiden anderen erfolgreichen Spruengen eine Stunde spaeter im Bus Richtung Quito und nach den vergangenen Erlebnissen ist der Fahrstil des Busfahrers keinen aufgeregten Kommentar mehr wert.


 

Bautizo, Navidad y el Año Viejo - Fiestas en Quito

Montag, 30.12.2013

Die feierfreudigen Ecuatorianer koennen sich im Dezember nicht beklagen. Neben dem Gründungstag Quitos am 6. Dezember (2 Wochen Fiestas, Tanz, Musik und kuenstlerische Darbieteung an zahlreichen Plaetzen in ganz Quito), faellt natuerlich auch Navidad (Weihnachten) und Silvester in den Dezember.

In meiner Familie steht zusaetzlich noch eine Taufe (Bautizo) an und so kam ich in den Genuss ein Familienfest in Quito miterleben zu duerfen.
Ecuatorianer geben mitunter ihr ganzes Vermoegen fuer ein Familienfest aus.
Das macht sich auch bei der Zelebrierung dieser Feier bemerkbar.
Die Messe  in der katholischen Kirche ist sehr christlich und dauert eine Stunde. Etwa 20 (Klein-)kinder werden gleichzeitig getauft. Die Jungen tragen Anzuege, die an Matrosen-Outfits erinnern (samt Muetze naturlich!), die Maedchen ebenso weisse Kleider und entweder einen grossen weissen Sombrerohut oder - wie die Cousine meiner Gastgeschwister - eine kleine, silberne Krone.
Nach der Messe um 18 Uhr verschwindet jedes Taufkind mit Anhang zu dem Ort, wo noch bis frueh in die Morgenstunden gefeiert werden soll.
Bis 20 Uhr passiert in dem kleinen Saal mit ca. 70  Personen aber rein gar nichts. Es folgt Musik mit zwei Live-DJs, die Ecuatorianer lassen sich natuerlich nicht lumpen und beginnen zu tanzen.
Meine Gastgeschwister und ich ebenso, aber auch, um uns vom aufkommenden Hungergefuehl abzulenken.
Das muss auch sein, denn Essen gibt (aussergewoehnlich frueh fuer eine solche Feier) um 22:30 Uhr. Salat, Suppe, seeeeehr fleisch- und reislastiger Hauptgang (danach frage ich mich, ob der Magen wirklich nicht platzen kann) - diese Bewirtung wird Einiges kosten und die Familien haben hier in der Regel nicht sonderlich viel Geld.
Zwischendurch wird immer wieder Musik gespielt und der Raum fuellt sich mit tanzenden Menschen - von Kleinkind bis Greis, ALLE tanzen! Dementsprechend bin auch ich mit meiner Gastfamilie mehr auf der Tanzflaeche und am Salsa-Tanzen als irgendwo anders und es ist wirklich beeindruckend, wie energiegeladen meine Mutter noch andere Gaeste zum Tanzen animiert und anscheinend ganz in ihrem Element ist.
Nach einer sehr emotionalen Dankesrede der Eltern des Taufkinds und Geschenken an die Gaeste (z.B. riesige Platten mit Essen oder sogar Alkohol, der hier unfassbar teuer ist), gibt es noch ein Stueck aus der mehrstoeckigen Sahnetorte.
Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits nach laengst nach Mitternacht und die Feier wird bis zum Morgengrauen gehen - ganz wie es sich fuer die Ecuatorianer gehoert.

Weihnachten wird hier sehr christlich, aber zugleich auch unglaublich kitschig zelebriert.
Ueberall haengen Leuchtketten, Lametta, kitschige Krippen sind an jeder Strassenecke aufgebaut und aus nahezu jedem Haus dringt ueberlaut Weihnachtsmusik.
Die Nordmanntannen und die Weihnachtsmannmuetzen bei ueber 20 Grad muten schon bizarr an, es wirkt alles kitschig und unecht, mit viel zu viel Glitzer und und Bling und Bling.
Auch hier wird Weihnachten immer mehr kommerzalisiert.
Aber die Ecuatorianer sind auch sehr christlich. Es wird viel gebetet, z.B. im Krankenhaus oder aber auch in meiner Familie.

Nachdem etwa die letzten zwei Wochen vor Weihnachten angebrochen sind, geht meine Familie jeden Abend um 19 Uhr zu den Nachbarn, um gemeinsam zu beten, zu singen und sich anschliesslich noch ueber die Fragen des Lebens zu unterhalten - zum sogenannten Novena.
Das Haus der Nachbarn ist nicht nur aufgrund der Ausstattung mit vielen Musikinstrumenten, die die Musik aus der veralteten Musikanlage begleiten sollen bestens dafuer geeignet: Die Haelfte des Wohnzimmers nimmt eine uebergrosse Krippe mit unzaehligen Figuren ein, die liebevoll aufgebaut sind, waehrend daneben ein grosser und ein geschmueckter Weihnachtsbaum steht.
Die Krippe im Wohnzimmer meiner Nachbarn
Beide Familien, meine und die der Nachbarn integriert mich wie selbstverstaendlich - bei Gebeten wird auch mein Name bei den Bitten erwaehnt und auch ich muss die Abschnitte aus den Liederheften vorlesen und meine Beitraege leisten, wenn ich an der Reihe bin.
Nach dem Beten und Singen gibt es einen kleinen Snack, meist sind das Empanadas, die abwechselnd meine oder die Familie der Nachbarn zubereiten sowie eine heisses Getraenk aus der Pflanze der Jamaica.
Nach insgesamt etwa zwei Stunden verabschieden wir uns von den Nachbarn - bis zum naechsten Abend und dem naechsten gemeinsamen Beten.

Weihnachten ansich war weniger aufregend, weil zwei meiner Gastschwestern bis Mitternacht arbeiten muessen. Nachdem ich am Vormittag im Krankenhaus gearbeitet habe, bin ich am Abend bei Vroni in der WG zum Burritos-Essen eingeladen.
Zusammen mit vier weiteren Ecuatorianern und einer Hollaenderin haben wir einen recht internationalen, lustigen und schoenen, wenn auch wenig weihnachtlichen Abend.
Wieder zuhause gibt es eine kurze, aber emotionale und liebevolle Bescherung, als gegen halb 1 Uhr nachts meine Schwestern erschoepft eintrudeln.

Die Fiesta año viejo, wie Silvester hier genannt wird, ist deutlich eriegnisreicher. 
Schon Tage vorher werden ueberall auf den Strassen die Feierlichkeiten vorbereitet.
Es wird viel gelbe Unterwaesche zum Kauf angeboten, weil es Glueck bringen soll, wenn man solche in der Nacht des Jahreswechsels traegt (und nein, ich mache nicht alles mit...!), aber vor allem wird damit begonnen die Muñecos zu basteln.
Muñecos sind Puppen (-aehnliche Kontrukte), die das alte Jahr symbolisieren sollen und dann in der Silvesternacht verbrannt werden.
Schon am Nachmittag sind ueberall Muñecos SEHR GUTE Karikatur - als Vorlage diese werden die Busse und Taxen genommen (siehe den Eintrag zum Leben auf der Strasse hier)
Am 31. Dezember kommt Vroni mit zu meiner Familie und wir bekommen Kleidungsstuecke von meiner grossen Schwester, um dem Brauch angemessen auf der Strasse vor dem Haus aufzukreuzen.
Mit Rock (und einer Boxershorts darunter, weil ich keine Leggings habe) ausgestattet, befinden wir uns vor dem Haus meiner Familie und beobachten fuer den Anfang das uns bietende Spektakel. Es ist ueblich, dass sich die Maenner an Silvester als Frauen (manchmal auch eher als Prostituierte) verkleiden, auf der Strasse tanzen und mit einem Seil das zwischen den Buergersteigen gespannt wird, werden die Autofahrer gezwungen anzuhalten und die Tanzeinlage mit ein wenig Kleingeld zu honorieren, damit sie weiterfahren koennen. Natuerlich wuerde es meine kleine, tanzverrueckte Gastschwester nie zulassen, dass ich nur zuschaue, also schliesse ich mich meinem kleinen Bruder und seinen Freunden an.
Mein kleiner Bruder Angelo und ich - die Outfits sollten wir oefter tragen Seil ist unten - Taxi kann fahren
Normalerweise gibt es erst gegen Mitternacht Essen, aber meine Gastmutter Guadalupe schlaegt Vroni, meiner neuen Gastschwester Sony aus Korea und mir vor, schon um 21 Uhr zu essen, damit es sich noch lohnt, wenn wir zum Plaza Foch im Zentrum gehen.
Am Plaza Foch treffen wir drei uns mit Andrés, Pablo, Jonatan und anderen Ecuatorianern und Deutschen und begleiten diese in eine Bar, damit sie ihr Alkoholpegel bloss nicht zu weit absinkt.
Dort halten wir es aber nicht allzu lange aus und wandern weiter zu einer WG-Party von anderen Voluntaeren meiner Sprachschule. Um 23:45 gehen wir geschlossen wieder zum Plaza Foch, wo vor einer grossen Menschenmasse ein Konzert gegeben wird und wir Deutschen umarmen uns puenktlich um Mitternacht und wundern uns, warum die Ecuatorianer munter weiter Musik spielen, anstatt einen Countdown herunterzuzaehlen.
Aber es haette uns nicht wundern duerfen; die ecuatorianische Gelassenheit gilt auch an Silvester. Mit 10 minuetiger Verspaetung endet das Konzert und es wird das neue Jahr offiziell verkuendet, waehrend ein paar wenige Feuerwerkskoerper in den Nachthimmel ueber Quito geschossen werden.
Zur gleichen Zeit werden ueberall die Muñecos angezuendet und in der Mitte des Platzes ist ploetzlich eine Art Lagerfeuer, ueber welches die Menschen mit Anlauf springen, um wortwoertlich ueber das Feuer zu gehen, das Vergangene hinter sich zu lassen und das neue Jahr zu begruessen. Auch wir springen Hand in Hand ins neue Jahr.
Der Sprung/die Spruenge in 2014!
Anschliessend ist am Plaza Foch nicht mehr allzu viel los, einige gehen in die Discothek oder zu Hauspartys, die meisten verschieden sich aber und gehen zum Essen mit der Familie nach Hause. Und so treten auch Sony und ich zur Musik tanzend und die Feuerstellen und Aschehaeufchen umgehend den Heimweg an; Feliz año nuevo a todos!


 

Halbzeit - ab zum "Entspannen" in die Thermalbaeder von Papallacta

Montag, 30.12.2013

Bergfest! Die Haelfte meiner Zeit in Ecuador ist vorbei und das Gefuehl ist ambivalent. Einerseits denke ich, dass ich doch gerade erst angekommen bin, so schnell vergeht die Zeit. Andererseits fuehlt es sich so an, als sei ich schon seit Ewigkeiten hier.
Die letzten Wochen waren sehr ereignisreich, aufregend und teils sehr anstrengend, das Wochenende diesmal soll etwas weniger spektakulaer und dafuer entspannender ausfallen.

Um 6 Uhr am Sonntag Morgen aufzustehen, ist allerdings alles andere als entspannend.
Mit Vroni und Katja mache ich mich um 7 Uhr auf den Weg nach Papallacta. In dem kleinen Dorf befinden sich die angeblich schoensten Thermalquellen Ecuadors oder gar Suedamerikas. Aus dem aktiven Vulkan Antisana speisen sich heisse Quellen und umrahmt von Bergen, Wiesen und Kuehen, die auf diesen grasen, kann man in Natursteinbecken in verschiedenen Pools verweilen, die abwechselnd kalt oder heiss (bis zu 40 Grad) sind.

Mit der Aussicht auf einen relaxten Sonntag brechen wir also auf, aber Stress gibt es schon von Beginn an, weil die Frau am Fahrkartenschalter des Busterminals Quitumbe im Sueden uns zunaechst ignoriert und uns dann keine Tickets ausstellen moechte.
Als wir dann endlich um 9 Uhr im Bus Richtung Papallacta sitzen, haben wir den ersten Aufreger hinter uns. Die Fahrt dauert von Quitumbe aus ca. 2 1/2 Stunden und je weiter wir Quito hinter uns lassen, desto nebeliger und kuehler wird es ausserhalb des Busses.
In Papallacta angekommen, stellen wir fest, dass sich dort wirklich NICHTS befindet und wir nehmen ein Taxi, das uns bis zu den knapp 3km entfernten Thermalquellen bringt.
Ich dachte immer, dass in Quito nicht die  waermsten Tempraturen seien, aber in dem kleinen Oertchen ist es dermassen kalt und nebelig, dass ich es bereue, nur einen Fleecepulli mitgenommen zu haben und die Strafe dafuer, dass Katja und ich meine Flipflops vergessen haben, macht sich auch sofort bemerkbar. Es kostet doch einige Ueberwindung im Bikini umherzulaufen, wenn das Thermometer unter die 10 Gradmarke sinkt und der Wind die gefuehlte Temperatur noch um mindestens weitere 5 Grad verringert. Und wie kurios mutet sich die Warnung an, nicht auf den Sonnenschtz zu verzichten...
Welch Wohltat sind die heissen Becken!
Um uns herum sind die maechtigen Berge, von den uns umgebenden Baeume haengen seltsam, aber schoene, trompetenartig anmutende Blueten und es waere wirklich idyllisch, waere da nicht der Wind, der Nieselregen und das und der Laerm der anderen Besucher des gut gefuellten Thermalbads.
Etwas mehr Ruhe finden wir in einem anderen, kleineren Becken, dass wir aber mindestens 10 weitere Becken erst bemerken, als wir gehen wollen, passt zum Tagesverlauf. Dennoch geniessen wir das warme Wasser, den Ausblick und die klare Luft.
Ein Thermalbecken (mit etwas zu vielen Menschen fuer meinen Geschmack)
Wir wollen den Bus gegen 16 Uhr gen Quito nehmen (sofern sie tatsaechlich puenktlich und zu jeder vollen Stunde kommen, wie die Frau an der Information sagt), aber vor den Thermalbaedern stehen keine Taxen.
Also wandern wir bei dichtem Nebel und dem allgemein kuehlen und feuchten Wetter auf einer schlammbedeckten Strasse die 30 Minuten zur Busstation (meine Hose ist anschliessend braun gesprenkelt).
Wie Sie sehen, sehen Sie ... NICHTS! Leichter Nebel in Papallacta.
Bei einer Busstation koennte man annehmen, dass die vorbeifahrenden Busse auch anhalten - erst recht, wenn man sie heranwinkt.
Die ersten beiden Busse ignorieren dies aber und lassen uns ebenso verwundert wie veraergert und frierend in der Pampa zurueck.
Ein dritter Bus haelt endlich und laesst uns einsteigen - allerdings gibt es keine Sitzplaetze mehr, weswegen wir die erste Stunde im Gang stehen und versuchen genug Sauerstoff zu bekommen, denn der ist kaum noch vorhanden.
Die Fenster sind beschlagen, es ist feucht - aber immerhin feucht-warm statt feucht-kalt!
Das Ziel, einen entspannenden Sonntag zu haben, erreichen wir wohl nicht mehr - primaer geht es um Erkaeltungsvermeidung.
Mit einem ergatterten Sitzplatz erreichen wir Quitumbe in den Abendstunden und auf einmal erscheint Quito so warm - sogar um diese Uhrzeit.
Mit einem leichten Sonnenbrand im Gesicht laechele ich zufrieden aus dem Busfenster.
Papallacta kann ich auf meiner To-do-Liste abhaken - es ist zwar weniger entspannend gewesen als angenommen, aber eine Erfahrung in jedem Fall wert.


Exkursion No.2 - Das (Ueber)Leben auf den Strassen Quitos

Freitag, 20.12.2013

Dass Quito riesig ist, habe ich bereits erwaehnt. Durch die zahlreichen Berge und Anhebungen fahert man viel serpentin, wenn man in die Stadt hineinfaehrt oder sie verlaesst.
Auch wenn nicht jeder ein Auto hat, ist der Verkehr immens und gerade zu den Stosszeiten grenzt es fuer mich an ein Wunder, dass man bei dei der Verkehrsdichte ueberhaupt von der Stelle kommt. Eben weil die Strassen so verstopft sind, nutzen die Fahrer es aus, wenn sie die Gelegenheit haben, zu fahren. Rasante Beschleunigung, teilweise viel zu hohes Tempo und dann wieder abruptes Abbremsen kennzeichnet den Fahrstil der Quitorianer. Die Beachtung der Verkehrsregeln nimmt die Mehrheit nicht so genau - es gilt eher das, was ich bereits auf den Galápagos-Inseln erleben konnte - ganz im Darwinschen Sinne; das Recht des Staerkeren. Auf Fussgaenger wird keine Ruecksicht genommen, sie stehen ebenso wie die Radfahrer (die Entscheidung, in Quito Fahrrad zu fahren, gleicht, laut einem Koordinator in der Sprachschule, einer Todeserklaerung) ganz unten in der Kette.
Daher verzichten die meisten Autofahrer auch darauf zu blinken, oder wenn, dann nehmen sie ihren Arm, den sie aus dem offenen Fenster strecken, um ihren Richtungswechsel zu signalisieren. Der Blinker ist also mehr oder weniger ueberfluessig, umso wichtiger ist dafuer die Hupe. Ein Auto ohne Hupe, ist hier kein Auto. In jeder angemessenen und unangemessenen Situation machen sich die Autofahrer darueber bemerkbar, wobei nicht immer ganz klar ist, was sie mit dem Laerm bezwecken wollen.
Anderen Laerm verursachen die Alarmanlagen der abgestellten Fahrmobile (etwa alle 5 Minuten heult in der naeheren Umgebung eine auf) oder eine Schulglocke, die genauso klingt wie eine Alarmanlage.

Zu dem Laerm kommt der Geruch, wenn nicht sogar Gestank, in der Metropole. Die Abgase der Autos sind immens, von einem Katalysator hat man noch nichts mitbekommen und die Autoemissionen vermischen sich mit Essensgeruechen von den kleinen Staenden am Strassenrand, bei denen von Fruchtsalaten ueber Fritada bis hin zu Suessigkeiten aller Art alles Moegliche zur Nahrungsaufnahme angeboten wird.
Die Verkaeufer preisen ihre Ware lauthals an, ebenso wie die Autos die ueber Megaphone kundtun, was sie offerieren - ein wunderbarer Klang- und Geruchscocktail.
Wie man dabei - bei hellichtem Tage - auf dem Buergersteig schlafen kann, wie es manche Ecuatorianer praktizieren, bleibt mir ein Raetsel, aber auch im Allgemeinen bilden die Fussgaenger mit ihrem langsamen Gang einen Gegensatz zum aggressiven Fortbewegungsdrang der motorisierten Verkehrsteilnehmer.

Die Motorradfahrer nehmen es mit ihrer Sicherheit auch nicht allzu genau. Nicht selten schlaengeln sie sich in hohem Tempo und nur mit Tshirt und kurzer Hose (wozu auch lange Kleidung oder ein Helm?) bekleidet um die stehenden Autos herum. Zudem sind sie oftmals nicht alleine auf dem Zweirad. Mitunter sind bis zu 4 Personen auf einem Motorrad, wobei ein kleines Kind waehrend der rasanten Fahrt auf dem Arm gehalten wird.

Um dem Chaos einigermassen Herr zu werden, setzt die Stadt Quito Verkehrspolizisten ein, die - ganz klassisch - den Verkehr mit Handzeichen und Trillerpfeiffe zu kontrollieren versuchen.
Polizistin regelt den Verkehr
Macht man einen Spaziergang durch die Stadt, ist es nicht nur obligatorisch, den motorisierten Verkehr im Auge zu behalten, denn teilweise haengen die ueber einem verlaufenden Stromkabel derart tief, dass man besser ein paar Schritte zur Seite ausweicht. Das Gleiche gilt bei den ploetzlich sich auftuenden Loecher, bei denen ich mich wirklich frage, wie sie verursacht wurden. Es ist wichtig, auf den Strassenbelag vor sich zu achten, will man nicht auf einmal einen halben Meter tiefer aufkommen, denn auch Gullideckel oder provisorisch abgedecke Loecher sollten vorsichtshalber umgangen werden.
Vorsicht; Loch!
In einem Park ist es ruhiger, ungefaehrlicher und es gibt bessere Luft.
Allein wegen des hoeheren Sauerstoffgehalts halte ich mich gerne in diesen auf. Aber diese Orte sind auch perfekt, um das Leben hier zu beobachten.
Am Rand der Parkwege stehen Schuhputzer, weitere Essensstaende sind aufgebaut und nur wenige Meter daneben sind Staende mit Kunst- und Handwerksarbeiten.
Auf den Wiesen wird Fussball und Volleyball gespielt, auf den kuenstlich angelegten Fluessen (Betoneinkerbungen, die zur "Verschoenerung" bis zur Haelfte gruen angestrichen werden) schippern Tret- und Ruderboote umher und Strassenkuenstler zeigen dem oft zahlreichen Publikum die neu einstudierten Tricks und erlernte Fertigkeiten.

Das bunte Treiben in den Parks und Plaetzen  wird abends auf dem Plaza Foch oder im Centro histórico fortgesetzt, wo natuerlich auch, wie an fast jedem Ort, irgendwo Musik gespielt wird.
Und wo Musik ist, ist in Ecuador auch Tanz. Der schon tagsueber lebhafte Plaza Foch erwacht nachts zu neuem Leben und teilweise erscheint es, als sei halb Quito auf den Beinen.

Kurz vor der Strasse in der ich wohne, gibt es den Plaza de Comida, wo jeden Abend eine grosse Anzahl von Essensstaenden typisch ecuatorianische Gerichte anbieten.
Ab und an gesellen sich zu den unzaehligen Strassenhunden, auch Pferde, wobei ich mich jedes Mal frage, woher sie kommen und wohin sie dann plotzlich wieder verschwinden.
Esel sehe ich hingegen nur, wenn ich im Bus Richtung Sueden zu meiner Arbeit im Krankenhaus fahre.
Plaza de la comida (kurz vor meinem Zuhause) Ein Pferd am Plaza de Comida


Das Busfahren ist ohnehin ein Erlebnis. Das ganze Bussystem ist mir schleierhaft. Es gibt verschiedene Bustypen und jeder Bus hat nochmal seine Eigenarten.
Zu dem ecuatorianisch flexiblen Fahrstil passt, dass sie auch in der Wegwahl sehr spontan sind und ein anderer Weg genommen wird, als noch am Tag zuvor. Wo sich eine Haltestelle befindet, ist nicht zu erkennen, man erfahert es durch Mund-zu-Mund-Propaganda und selbst wenn ein Bus dort entlangfahert, muss man ihn heranwinken, damit er ueberhaupt haelt. Ob und wann ein Bus kommt, steht in den Sternen, das kann  in 5 Minuten, einer Stunde oder eben gar nicht sein - einen Busfahrplan sucht man vergeblich. Aber dieser waere ohnehin nicht richtig, da die Verkehrslage (und natuerlich auch die Wegwahl) einen Einfluss auf die Fahrtdauer und damit die Ankunft am Zielort haben.

Meine

Wer, gerade als Frau, nach Einbruch der Dunkelheit den Ort wechseln moechte, ist gut damit beraten keinen Bus, sondern ein Taxi zu nehmen. Auch in einem Taxi gibt es keine oder nicht funktionsfaehige Anschnallgurte, aber ich bin in solchen Momenten, nach Einbruch der Dunkelheit, ohnehin eher mit der der Aussicht aus dem Fenster beschaeftigt, denn durch die Laternen und Hausbeleuchtungender 2,2 Millionenen Einwohner zaehlenden Hauptstadt verwandelt sich Quito in ein Lichtermeer, das mich jeden Abend aufs Neue sprachlos macht.

Schwimmen zwischen Seeloewen und Meeresschildkroeten - Meine 6-taegige Kreuzfahrt um die Galápagos-Inseln

Dienstag, 17.12.2013

Vorweg schon einmal: Die sechs Tage zwischen vulkanischen Inseln im Pazifik beinhalten derart viele Eindruecke, Erlebnisse, Informationen und Erlebnisse, sodass ich versuchen muss, mich auf das Wesentliche zu reduzieren, wenn ich nicht in das Internet-Café einziehen moechte (mit dem Tablet wuerde ich vermutlich eine Woche an dem Eintrag sitzen).

Aber von Beginn an:
Am Mittwoch werde ich um 6:50 Uhr in der Fruehe per Van zum Flughafen gebracht. Der Morgen hat schon optimal begonnen, weil meine Mamita Guadalupe (meine Gastmutter) verschlafen hat und so leichte Hektik entsteht und ich sie beruhigen muss, dass ich nicht damit ueberfordert war, mir selbst ein Fruehstueck zu zubereiten.
Ehe Sandra, meine Reisepartnerin, die auch von meiner Organisation aus in Quito arbeitet, und ich die Galápagos-Inseln erreichen, gibt es noch einen kurzen Zwischenstop in Guayaquil, der groessten Stadt Ecuadors, wo weitere Kreuzfahrtpassagiere einsteigen.
Wir landen schliesslich in Baltra, eine der zwei Inseln (von insgesamt 121 Inseln!), die einen Flughafen beherbergt. Der Temperaturanstieg macht sich sofort bemerkbar und ich weiss auch, warum den Passagieren empfohlen wird, Sonnencreme mit LSF 50+ einzupacken.
Nach kurzer Busfahrt wird die gesamte Kreuzfahrtsippe, immerhin knapp 70 Gaeste, auf Motorboote aufgeteilt, die uns dann zu unserem Schiff "Santa Cruz" bringen.
Das Schiff an sich ist fuer 90 Gaeste + Crewmitglieder und Nationalparkfuehrer (guías) ausglegt und es ist der absolute Luxus - nicht nur im Vergleich zu meinem Leben in Quito:
Wir koennen bedenkenlos Milch oder Getraenke mit Eiswuerfeln trinken, es ist unfassbar sauber und das Essen konkurriert locker mit dem Angebot eines 4-Sterne-Hotels.
Zudem erhalte ich weiter die Moeglichlichkeit mich durch typisch ecuatorianische Gerichte zu probieren, hier auf dem Schiff ist natuerlich sehr fischlastig, was aber eine willkommene Abwechslung zu dem Fleischwahnsinn in der Hauptstadt ist.
Beispielsweise gibt es neben der Suppe aus Quinoa (eine Pflanze, die die Inkas verehrten) Ceviche, das ist ein kalter Meeresfruchtcocktail/suppe mit Limone.
Das einzige, winzigkleine Problem bei der ganzen Angelegenheit: Ich befinde mich auf einem Schiff! Es ist kaum Seegang, wir liegen noch vor Anker und ich schwanke trotzdem hin und her! 
Aber gut, weiter im Programm: Die Passagiere werden in Gruppen mit Tiernamen von ca. 10 Personen aufgeteilt - Sandra und ich kommen in die "deutsche" Albatros-Gruppe (ausser mir noch eine weitere Bielefelderin... man wird echt verfolgt) mit dem Deutschen Bugui als guía, dem einzigen nicht gebuertigen Galápagos-Insulaner, der als Nationalparkfuehrer an Bord ist.
Das finde ich eher kontraproduktiv, weil ich dann noch mehr Deutsch spreche als sowieso schon und meine Sprachkenntnisse ausser in persoenlichen Gespraechen weder in Englisch noch in Spanisch verbessern kann.

Wie hilfreich aber die deutsche Reisefuehrung ist, bemerke ich beim ersten Ausflug zur Isla Seymour Norte am Nachmittag. Die flache, kraterlose und sehr trockene Insel ist die Nachbarinsel von Baltra und ich bin ein wenig erschrocken darueber, wie karg die Vegetation auf der Insel ausfaellt - nur Opuntienkakteen praegen das Pflanzenbild. Die fehlende Flora wird durch die Fauna ausgeglichen:  Wir sehen Fregattvoegel (Binden- und Prachtfregattvoegel, wobei die Maennchen bei den Letzteren in der Paarungszeit eine Art riesigen roten Ballon vor ihrer Brust aufplustern, um den Weibchen zu imponieren), Blaufusstoelpel, Lavaeidechsen und die meist gelblichen Landleguane, die sich von vornehmlich gelben Blueten ernaehren. Die meisten Tiere der Galápagos-Inseln sind endemisch, das heisst, in dieser Art und Weise, nur hier beheimatet.
Es ist sowieso ein Wunder, dass hier Leben herrscht, schliesslich sind die Inseln reine Vulkan/Lavaerzeugnisse und es gibt kaum Suesswasser, sodass alles, was hier auf Umwegen hinkam, sich anpassen musste, wollte es ueberleben (den Vortrag, wie das bei den Einzelnen geschah, muss ich hier leider aussparen).
Aber es war erfolgreich und am Strand der Insel erlebe ich mein erstes Highlight der Kreuzfahrt: Seeloewen! Viele, viele Seeloewen sonnen sich am Strand, die Jungen werden von der Mutter gesaeugt und bis auf eine, die einen grossen Haigebissabdruck im Fell hat, wirken alle rundum zufrieden. Rundum zufrieden, aber auch kaputt sind Sandra und ich auch. Nach der obligatorischen Seenotrettungsuebung schlafe ich tief und fest ein - meine erste Nacht auf einem Schiff gestaltet sich als somit als problemlos.

Der Donnerstag beginnt mit einer Motorboottour entlang der Nord-Westkueste der Isla Isabela,  der groessten Insel, die die Form eines Seepferdchens hat (siehe der tollen Grafik von Jan oben). Bei der Tour fahren wir in ausgehoehlte Lavablasen des noch aktiven Vulkans "Ecuador" der Insel. Wir beobachten Pinguine, die so schnell verschwinden wie sie auftauchen, Seeloewen und Seebaeren, Meeresschildkroeten, Klippenkrabben, grosse Schwaerme vom "Walfischfutter" Krill, Kormorane, die zwar Fluegel haben, aber hier in Galápagos nur noch schwimmen und nicht mehr fliegen koennen und Meeresleguane, die im Gegensatz zu ihren Verwandten an Land eine schwarze Haut haben und sich von der Meeresalge Ulva ernahren. Wie fast immer begleiten uns Fregattvoegel und Blaufusstoelpel bei der Fahrt an den ca. 300 Metern hohen Steilwaenden aus Lava.
Am Nachmittag steht ein Landgang zur Nachbarinsel Isla Fernandina auf der Agenda.
Diese ist die juengste (ca. 300.000-400.000 Jahre alt) und vulkanisch noch aktive Insel mit einem 1500 Meter hohem Krater.
Die Insel besteht fast nur aus schwarzem Lava, die in Strick- oder Blocklavaform den Boden bildet.
Die Vegetation aus Kakteen und Ulva wird durch Mangroven (schwarze, rote und weisse) bereichert, das sind Baeume, die ohne Suesswasserzufuhr auskommen, indem sie das Salz ueber ihre Blaetter "ausstossen".
Zu den schon zuletzt gesehenen Tieren sehen wir noch Adlerrochen im Wasser schwimmen und an Land liegen unzaehlige Knochen von Delfinen, Seeloewengebissen und ein grosses Walskelett.
Und wie nah Freud und Leid in der Tierwelt beieinander liegen, konnen wir auch beobachten. Manche Meeresleguanenmaennchen bringen sich in Stimmung zur bald anbrechenden Paarungszeit und ringen miteinander, andere "rotzen" das ueberfluessigerweise aufgenommene Salz durch die Nase aus und waehrend das eine Seeloewenjunge liebevoll von seiner Mutter umsorgt wird, muessen wir mitansehen, wie eine Seeloewnmutter sich weigert ihr Junges zu fuettern.

Am Freitag Morgen fahren wir nochmals die Isla Isabela an, aber diesmal "landen" wir auch dort. Auf den Felsen der Caleta Turgua stehen in grossen Lettern, meist in roter oder schwarzer Farbe, Militaersprueche, Namen ehemaliger Praesidenten oder auch die  Liebesbekundungen irgendwelcher Besucher. Man fragt sich, wie die Schmierereien dorthin kommen, da 97% der Galápagos-Inseln zum Nationalpark oder zum Meeresschutzgebiet gehoeren(die verbleibenenden 3% bilden die bewohnten Flaechen der vier groesseren Inseln) und somit unter staendiger Kontrolle stehen.
Dieser Ausflug ist eher von Landschaftseindruecken gepraegt, wir blicken von oben hinab auf einen riesigen Kratersee, in dem das Wasser hellblau in der Sonne schimmert und an dessen Ufern durch den starken Salzgehalt und die hohe Sonneneinstrahlung ein weisser Rand verlaeuft.
Zurueck auf dem Boot gibt es den ersten nassen Abgang - Schnorcheln vom Beiboot aus! Ich entscheide mich gegen Flossen (meine Fuesse sind ja von Natur aus gross), lasse aber eher unfreiwillig das Mundstueck meines Schnorchels in Wasser fallen, sodass mein israelischer Sitznachbar erfolglos den Meeresgrund danach absucht, bis ich ein Ersatzstueck bekomme und es auch fuer mich endlich losgeht.
Ich schwimme synchron mit Schildkroeten, beobachte den Tanz der Meerespflanzen im Takt zu den Meeresstroemungen und staune ueber die leuchtenden Farben der buntschillerden Fische, die in Schwaermen an mir vorbeiziehen.
Ich entdecke einen Seeloewen unter mir, doch ehe ich Angst bekommen kann, da diese ja deutlich gefaehrlicher sind als Haie, wie uns immer wieder eingeschaerft wird, ist dieser schon ausser Sichtweite.
Dafuer haben wir dann Koerperkontakt mit Kormoranen, die urploetzlich vor uns auftauchen und einer zwickt Sandra in den Arm, weil er wohl nicht damit einverstanden war, ohne vorherige Absprache fotografiert zu werden.

Nachmittags gibt es eine "nasse" Landung (das bedeutet, es gibt keinen Steg oder Aehnliches und wir muessen barfuss durch das seichte Wasser an Land gehen) an der Bahía Urbina der Isla Isabela.
Das Schnorcheln hier faellt flach, bzw. hoch, denn die Wellen sind so hoch und die Stroemung zu stark, dass daran nicht zu denken ist.
Also gibt es einen weiteren Spaziergang und wir sehen erstmals Riesenschildkroeten. Diese ernaehren sich von Manzillas, das sind Fruechte, die an Aepfel erinnern. Wenn aber ein Mensch davon isst, hat er die Moeglichkeit ewig auf den Inseln zu verbleiben - sie sind hochgiftig fuer den homo sapiens.
Auch in dieser Bucht finden wir Knochen, z.B. von der von den Menschen eingefuehrten Ziege, deren Population mangels natuerlicher Feinde stark anstieg und sie die Vegetation derart gefaerdeten, dass sie mithilfe von neuseelaendischen Heleikoptern abgeschossen und somit wieder ausgerottet wurden, um die "natuerliche" Flora und Fauna der Inseln zu schuetzen.
Schuetzen will ich mich auch - vor dem Seegang. Am Abend werden wir vor der stuermischen See gewarnt und uns die Einnahme der leicht sedierenden Tabletten empfohlen. Gesagt, getan - und ich bin durch die Benebelung im Handumdrehen im Tiefschlaf.

Tags darauf, am Samstag, steht ein kompletter Landtag auf der Isla Santa Cruz an.
Puerto Ayora, eines der wenigen Staedtchen hier, sehen wir zum ersten Mal seit unserer Kreuzfahrt wieder Haueser, Strassen, Autos...  ungewohnter Anblick.
Die Insel gehoert zu den groessten, auch im Hinblick auf die Einwohnerzahlen und ist vor allem bekannt fuer die Charles-Darwin-Station, die sich um die Aufzucht der Landschildkroeten kuemmert, damit der Bestand sich nicht weiter dezimiert.
Durch die Menschen kamen unbekannte Gefahren auf und da die Eier von den Weibchen nur im Sand der Trockenzone vergraben und von der Sonne "ausgebruetet" werden, holen Mitarbeiter der Stiftung Eier aus dem Sand. So ist gesichert, dass wenigstens ein gewisser Anteil "durchkommt", ehe die jungen Schildkroeten wieder an Ort und Stelle in die Freiheit entlassen werden.
Nach dem Besuch der Station gehts mit dem Fahrrad durch die erstaunlich gruene Insel zu einer Kaffee- und Zuckerrohrplantage, bei der wir viel ueber die noch sehr traditionelle Abbau- und Herstellungsweise der Produkte lernen und anschliessend auch probieren duerfen. Ich verzichte vorsichtshalber auf den ueber 60%-Schnaps aus Zuckerrohr, mir ist immer noch leicht schwindelig von der Schiffsschaukelei und das Wetter ist mit seinem tropisch-feuchten Klima auch nicht gerade foerderlich dabei (der Norden der Insel hingegen ist trocken-warm; Grund: die verschiedenen Winde und Stroemungen).
Kuehl und feucht ist es im Lavatunnel, den wir am Nachmittag besuchen. Fuer mich ist es bei meiner Klaustrophobie eine Ueberwindung immer tiefer hineinzugehen, vor allem als Bugui leichthin bemerkt, dass es natuerlich jederzeit sein kann, dass ein Vulkanausbruch den Tunnel zum Einstuerzen bringen kann. Nichts desto trotz ist es beeindruckend, dass der meterhohe Tunnel nur durch Lavastroeme entstanden ist und das einzig menschengemachte die Treppen am Einstieg und die Lampen an der Decke sind.
Wieder bei Tageslicht besuchen wir eine "Schildkroetenfarm", wo riesige Reptilien im Gras ihr Mittagessen zu sich nehmen oder auch nur in der Sonne doesen.
Auf dem Weg dorthin weiden Kuehe und nur wenige Meter daneben sind die Schildkroeten - ein ungewohnter Weidenanblick!

Am Sonntag, dem letzten richtigen Reisetag, bildet die Erkundung der Isla Floreana das Ende der Inselexkursionen.
Nach einer abermals "nassen Landung" (ich schaffe es erstmals, dass meine Hose nicht nass wird!) steuern wir auf die Post Office Bay an.
Das ist ein Postsystyem, das seit 1794 auf folgender Grundlage funktioniert: Man bringt seine Post zu dem kleinen Fass, hofft, dass jemand in Kuerze vorbeikommt, der in der Naehe der Adressaten wohnt und die Post fuer diese mitnimmt sowie persoenlich ueberbringt und nimmt im Gegenzug selbst eine Karte mit, dessen Empfangsadresse in der Naehe der zukuenftigen Aufenthaltsorte liegt. Man spielt also Brieftrager.
Die Insel Floreana ist im Uebrigen auch das Eiland, das als Erstes einen festen Einwohner vermerken konnte. Ueber die ersten Bewohner gibt es viele Geschichten - ueber mysterioese Verschwinden, Liebschaften und Eisengebisse - es ist alles dabei und bei manchen laeuft mir ein Schauer ueber den Ruecken...
ebenso ist das nur wenig spaeter, denn nach dem Schnorcheln vom Strand aus und der Rueckkehr auf das Schiff stehe am Rand  der Reling, hole tief Luft und springe in den Pazifik. Diese Reise koennte auch als Ueberwindung von vielen meiner Aengste bezeichnet werden...

Um 15 Uhr geht es abermals zum Schnorcheln, diesmal wieder vom Motorboot aus. Schon beim Eintauchen ins Wasser weiss ich, dass dieser Tauchgang der beste von allen wird. Das Wasser bei der Champion Islet ist klar und nur wenige Meter abseits der Vulkaninsel ist das Meer sehr tief. Die Wellen sind etwas staerker als gewoehnlich, ich habe zunaechst Probleme mit meiner Taucherbrille und schlucke viel zu viel Wasser, sodass ich nochmal ins Beiboot muss, aber als ich dann endlich schnorcheln kann, muss ich aufpassen, dass ich nicht wieder Wasser schlucke, weil ich ueber Wasser mit offenem Mund die Naturerlebnisse bestaunt haette. So lasse ich besseren Wissens meinen Mund geschlossen, aber die Eindruecke sind ueberwaeltigend. Schwaerme von Fischen ziehen vorbei, Seesterne, Seeigel und weisse Korallen bedecken den Meeresgrund und eine ganze Horde von Seeloewen, die sonst maximal in Kleingruppen unterwegs sind, schwimmen um uns herum. Teilweise kommen sie so nahe, dass wir sie beruehren koennten, doch ich muss zugeben, dass mir nicht ganz wohl zumute ist, als ein Seeloewe direkt auf mich zu kommt, um nur wenige Zentimeter vor mir weiter in die Tiefe abzutauchen. In der Tiefe entdecken Sandra und ich auch kleinen Hai, aber der scheint unsere Aufregung darueber nicht mitzubekommen und schwimmt unbeirrt weiter.
Fuer mich ist klar: Diese Bucht ist die tollste zum Schnorcheln! 


Der Tag ist straff geplant. Kaum wieder an Bord der Santa Cruz, verlassen wir das Schiff auch schon wieder um einen letzten Spaziergang zu unternehmen. Der Punto Comorant mit weissem Sand der Isla Floreana wird angesteuert und in der Lagune, die wir erreichen, nehmen drei Flamingos gerade eine Zwischenmahlzeit zu sich. Der Blick auf die Lagune und Berg aus Tuff-Lava im Hintergrund sieht aus wie gemalt.
Wir steuern aber den naechsten Strand an, der ebenso schoen, aber leider nicht zum Schwimmen freigegeben ist. Dafuer kommen die Rochen so nahe an den Strand, dass man sie von dort aus sehen kann.
Beim Ablegen werden wir bei einem traumhaften Sonnenuntergang von Seehunden verabschiedet und ich blicke sehnsuechtig zurueck.

Am Montag Morgen stehe ich noch frueher als geplant auf, weil ich auf meinem Handy noch die Festlanduhrzeit eingestellt hatte (+1Stunde) und ich noch weniger als ohnehin schon geschlafen habe. Als ich bemerke, dass ich eine Stunde zu frueh dran bin, ist der Koffer schon gepackt und ich ziemlich meude.
Der Abflug wenige Stunden spaeter von der Insel Baltra aus verzoegert sich um ein paar Minuten, weil ein Landleguan auf der Startbahn liegt und keine Anstalten macht sich weg zu bewegen - so gehoert sich das!
Letztlich hebt das Flugzeug aber mit einer etwas dezimierten Albatros-Gruppe (wobei wir leider keine Albatrosse gesehen haben) in Richtung Quito ab, wo ich ab dem naechsten Tag im Krankenhaus arbeiten werde.

 

Den Fiestas ist kein Entkommen - ein langes Wochenende an der Costa in Puerto López

Montag, 09.12.2013

Man muss voranstellen, dass die Ecuatorianer immer und ohne besonderen Grund - und auch auf offener Strasse - singen, feiern und tanzen.
In der Gruendungswoche Quitos um den 6. Dezember gibt es aber einen konkreten Anlass und das wird natuerlich mit noch ausgelasseneren Fiestas zelebriert.
Das Strassenbild (eine ausfuehrlichere Berichterstattung darueber folgt noch) wird also von Konzerten, Taenzen, Maerkten, Auffuehrungen, Musik und Chivas dominiert. Chivas kann man sich als bunte, offene Partybusse vorstellen, die vor allem am Abend mit lauter Musik, Cocktails (insbesondere Canelazo) und tanzenenden Menschen durch Quito schunkeln.
Der 6. Dezember ist ein Feiertag und da das in diesem Jahr ein Freitag ist, bedeutet das ein langes Wochenende fuer uns Sprachschueler.
Lana und ich entscheiden uns statt weiterer Feierei dafuer, die Zeit fuer eine ausgedehntere Wochenendexkursion zu nutzen - ein Wochenende im 10 Stunden entfernten Hafen- und Fischeroertchen Puerto López.

Bereits am Donnerstag Abend, nach einer Fiesta der Sprachschule, treffen wir uns, um gemeinsam ein Taxi zur Busstation zu nehmen.
Weil aber weder Lana noch ich in der Lage dazu sind, dem Busfahrer verstaendlich zu machen, wo wir eigentlich hinmuessen, verpassen wir beinahe unseren Reisebus und der Adrenalinspiegel sinkt auch danach nicht, weil meine Sorge um den Zeitmangel, bei der zum Ende hin sehr rasanten Taxifahrt, abgeloest wird von den Gedanken ueber ein neues Problem: Entweder schlafen und das Risiko eingehen, dabei ausgeraubt zu werden oder aber eben nicht schlafen (was keine Kunst ist, bei dem ecuatorianischen Fahrstil und der Musikbeschallung waehrend der Fahrt), aber dafür vollkommen übernächtigt ankommen. 

Um 5 Uhr morgens erreichen wir das angenehm warme Puerto López und nachdem ich noch eine zweistuendige Premiere, was das Schlafen unter einem Moskitonetz angeht, absolviert habe, geniessen Lana und ich in kurzen Hosen und einem traumhaften Meeresblick von einer Strandbar aus unser Fruehstueck zwischen Haengematten und Palmen.
Puerto López ist nicht nur bezueglich Temperatur und Vegetation anders als Quito - wie geringe finanzielle Ressourcen die Menschen hier haben, ist offensichtlich.
Holzhuetten, nur wenige geteerte Strassen, pragmatische Loesungen bei aller Art von Problemen und dass die Kinder ihren Eltern im Restaurant oder Kleidungsladen helfen, gehoert zur Normalitaet.
Blick vom Strandspaziergang auf Puerto López Taxis an der Costa
Nachdem wir den Surferstrand in Puerto López ausgiebig genug betrachtet haben, fahren wir mit einer "Art Taxi" (ein Motorrad mit angebauter Ladeflaeche, die angeblich zur Personenmitnahme berechtigt) nach Agua Blanca, einem kleinen Dorf, das teilweise noch die Traditionen ihrer Vorfahren der Manteños pflegen.  In einem Museum erfahren  wir viel über die Mantakultur (800-1532n.Chr.), die Besonderheiten der Bestattungen, die jahrhundertealten Handwerkszeuge, ihren Schmuck, Stempel, um Tattoos aufzutragen oder die eigens konzipierten Schiffe, um Handel zu betreiben.

Handwerkstuecke der Einheimischen Agua Blancas
Bei dem Rundgang durch das Dorf und die Umgebung sehen sehen wir die noch erhaltenen Teile des jahrhundertealten Friedhofs, bestaunen riesige Termitennester ueber uns in den Baeumen und beobachten bei der trocken-staubigen Hitze Frauen, die im fast ausgetrockneten Fluss Buenavista ihre Kleider waschen, waerend abgemagerte Pferde an uns vorbeitraben.
Termitennest
Wir erreichen die graeulich schimmernde  und vier Meter tiefe Lagune, an deren Stelle frueher mal ein Vulkan war. Daher ist das Wasser sehr schwefelhaltig, was sich auch vom Geruch her deutlich bemerkbar macht. Am Morgen eines jeden Tages liegt eine weisse Schicht auf der Oberflaeche des Wassers, was dem Dorf und der Lagune den Namen "Agua Blanca" ("weisses Wasser") verschafft hat. Das Eincremen mit der grauen Pampe vom Grund des Vulkans soll nicht nur gut fuer die Haut sein, sondern auch foerderlich bei der Verhinderung aller Krankheitsarten sein.  Folglich bin ich 10 Minuten nach meinem Bad in der Lagune und dem Eincremen mit dem Matsch mehr grau alles andere, aber was tut man ja nicht alles fuer die Gesundheit.

Tu was Gutes fuer deine Gesundheit - bade in einem stinkenden Schwefelgemisch!
 
Den Abend wollen wir gemuetlich in einer Bar ausklingen lassen, aber wir sitzen noch nicht einmal in einem Liegestuhl am Strand, als wir bereits in einem Gespraech mit dem Ecuatorianer Boris verwickelt sind. Boris gibt uns Einzelunterricht im Salsa-Tanzen, getreu nach dem Motto "Querer es poder" ("Koennen ist wollen"). 4 Stunden spaeter hab ich tatsaechlich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefuehl ein wenig tanzen zu koennen, wobei die mir  die Situation, nachts am Strand mit Musik, Meeresrauschen und etlichen anderen Leuten Salsa zu tanzen, wie aus einem Film vorkommt.
Mit Basilio, einem Freund von Boris, gehen wir anschliessend noch zu einem Open-Air-Konzert (zu Ehren der Gruendungstages von Puerto López am 8. Dezember) und trinken Canelazo (, der laut Basilio aus Puerto López und NICHT aus Quito stammt, ist ja ganz klar). 

Am naechsten Morgen steht der Auflug zur Isla de la Plata, einer ca. 36km entfernten und zum Nationalpark Machalilla gehörende Insel, auf der Agenda. Waehrend der Walsaison, die bis September geht, ist die Insel der Ausgangspunkt fuer die Beobachtungen dieser Tiere.
Als wir aufbrechen, ist es noch recht bewoelkt ich bereue es, nur keine lange Hose angezogen zu haben, waehrend das Schiff bei hohem Tempo ueber das Meer braust und die Gischt in meinen Nacken spritzt. Eine Entschaedigung sind aber die Schildkroeten nur wenige Meter neben unserem Boot, als wir die Insel erreichen.
Bei der zweieinhalbstuendigen Wanderung sind neben steigenden Temperaturen die "piqueros patos azules" (Blaufusstoelpel) und die Fregattvögel unsere staendigen Wegkumpanen. Auch hier gibt es Naturprodukte mit Heil- und Gesundheitsversprechen bei allerlei Gebrechen und den Inhalt irgendeiner Frucht schmiert unser Guide mir kurzerhand in die Haare. Ich weiss nicht, was er damit demonstrieren wollte, ausser, dass meine Haare zusammenkleben, als wenn ich sie in einen 3-Sekundenkleber von Uhu getunkt haette.
Manche Pflanzen sind gruen und tragen Fruechte, andere scheinen ausgetrocknet. Der Grund liegt im niederschlagsarmen Sommer, bei denen die Pflanzen mit kurzen Wurzeln das Grundwasser nicht erreichen. Ab Januar faellt wieder mehr Regen und die ganze Insel blueht auf - schade, dass uns dieser Blick, ebenso wie die Beobachtung der Wale und Delfine - verwehrt bleibt.
Fischis! (Ja, ich weiss, ich hab keine Ahnung von Zoologie) Schildkroeten!
Dafuer schwimmen wir beim Schnorcheln nach der Wanderung mit buntschillernden Fischen um die Wette und auf der Rueckfahrt bin ich klug genug, mir meine Jacke anzuziehen,um nicht wieder zu frieren. 
Das haette aber wohl auch nichts daran geaendert, dass mir die Fahrt noch weniger gut bekommt als die Hinfahrt. Waehrend ich bei der Hinfahrt nur ein flaues Gefuehl im Magen und Schwindel hatte, bin ich nach der Rueckfahrt unendlich dankbar wieder festen Boden unter meinen Fuessen zu spueren und ich brauche zwei Stunden, um meine Uebelkeit wieder in den Griff zu bekommen - da kann die 6-Tage-Kreuzfahrt ab dem kommenden Mittwoch zu  und um die Galapagos-Inseln eine lustige Angelegenheit fuer mich werden!

Am Sonntag, unserem letzten Tag, mieten wir uns Fahrraeder und werden von Tina, einer Deutschen, die wir bei der Tour am Tag zuvor kennengelernt haben, begleitet.
Unser Ziel ist Los Frailes, einem unter Naturschutz stehenden Strand, der ca. 16 Kilometer von unserem Hostel entfernt ist.
Der Weg dorthin ist einfach zu finden, wenn auch nicht ungefaehrlich - Fahrradwege sind hier nicht bekannt, dafuer aber ein hohes Tempo. Ausserdem muessen wir eine Prozession von Menschen umfahren, die - warum auch immer - am Feiern sind.
Moegliche Gruende: Tag der Santa Maria, normaler Kirchgang, Gruendungstag von Puerto López - wie gesagt: um das Feiern oder zumindest um die feiernden Leute kommt man in Ecuador nicht drumrum.
Wir erreichen den Nationalpark und haetten zum Strand nur noch geradeaus fahren muessen, aber das waere ja zu unkompliziert - wir biegen links ab und das stellt sich als ein Fehler heraus. Die kommenden Berge sind zu steil, um mit unseren eher duerftig ausgestatteten Fahrraedern die Spitze zu erreichen und auch bei der Abfahrt schiebe ich lieber, ehe ich mit meinen kaum bis gar nicht vorhandenen Bremsen einen unsanften Abstieg vom Sattel erlebe.
Auf diese Art und Weise haben wir zwar eine tolle Aussicht ueber die Umgebung, aber das Schieben der Fahrraeder durch den tiefen Sand der Straende, die man aufgrund der starken Stroemung nicht zum Schwimmen nutzen darf, ist mehr als anstrengend. Das Herumliegen am Strand und das Baden als Erfrischung in der Bucht von Los Frailes tut nach der Strapaze mehr als gut und der Rueckweg auf einer fast ebenen Strecke ist ein Kinderspiel.
Endlich: Los Frailes!

Kaum in Puerto López angekommen, herrscht bei Lana und mir Aufbruchsstimmung, damit wir unseren Bus um 19:30 Uhr puenktlich erreichen.
Wir werden ganz im Sinne des Party-Wochenendes verabschiedet: mit einem Umzug von Fussballfans,  zu Fuss oder aber auf den voellig ueberfuellten Ladeflaechen von Pick-Ups, die uns schon 2 1/2 Stunden zuvor entgegenkamen und offensichtlich immer noch den Sieg ihrer Mannschaft feiern (viele Vertreter der deutschen Polizei wuerden ohnmaechtig werden bei dem Anblick der Verkehrssicherheit bzw der Missachtung der Regeln fuer diese).
Auf der Rueckfahrt wird das Schlafen noch weniger moeglich, aber ich habe immerhin noch 2 Stunden Schlaf im nebelig-kalten Quito, ehe ich aufstehen und zur Sprachschule gehen muss.
Die Fiestas gehen ohnehin weiter, man braucht keinen konkreten Anlass, das Leben ist Grund genug - in diesem Sinne: Viva Quito, viva Puerto López und gute Nacht!

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